Bürgerkrieg in Libyen
Gaddafi lässt BBC-Journalisten foltern

Während Gaddafi und die Rebellen um das Wohlwollen des Westens rangeln, kämpft der Oberst verzweifelt gegen seinen Untergang: BBC-Journalisten lässt er foltern, auf den Anführer der Opposition ein Kopfgeld aussetzen.
  • 0

Brüssel/TripolisGaddafi kämpft mit allen Mitteln: Der libysche Staatschef hat drei Mitarbeiter der BBC in Libyen zum Schein hinrichten lassen, um sie von der Berichterstattung über den Krieg mit den Rebellen abzuhalten. Dies berichtete die britische Rundfunkanstalt am Mittwoch. Ereignet habe sich der Vorfall bereits am Montag, als die Journalisten auf dem Weg nach Sawija waren.

Zehn Kilometer vor der Stadt seien die Mitglieder des arabischen Teams der BBC mit dem britischen Journalisten Chris Cobb-Smith. an einem Kontrollposten von Gaddafi-Getreuen festgenommen worden. Die Gruppe sei an verschiedene Orte gebracht worden, in einigen Fällen gemeinsam mit zivilen Gefangenen, die sichtbare Verletzungen von schweren Misshandlungen gehabt hätten.    

Am Dienstag sei das Team dann in ein Gebäude nach Tripolis gebracht worden, von dem sie annahmen, dass es das Hauptquartier des libyschen Auslandsgeheimdienstes sei. Dort hätten sie sich an einer Wand aufstellen müssen. Ein Mann mit einer kleinen Maschinenpistole habe der Reihe nach jedem die Waffe in den Nacken gedrückt.

„Als er mich erreichte, drückte er zwei Mal ab. Die Schüsse gingen an meinem Ohr vorbei“, sagte Cobb-Smith. Auch der türkische BBC-Kameramann Goktay Koraltan sagte, er habe um das Leben des Teams gefürchtet: „Ich dachte, sie würden uns erschießen. Ich konnte hören, wie Waffen geladen wurden. Insgesamt seien die Männer 21 Stunden festgehalten worden, teilte die BBC mit.

Auch im Kampf gegen die Rebellen greift Gaddafi zu neuen Mitteln: Der Oberst hat eine Kopfprämie von 500 000 Dinar (knapp 300 000 Euro) für die Ergreifung und Auslieferung des Gaddafi-Gegners Abdul Dschalil ausgesetzt - er ist der Kopf der von den Rebellen im Osten des Landes gegründeten Nationalrats der befreiten Städte, der sich als neue libysche Übergangsregierung versteht. 200 000 Dinar wurden für Informationen ausgelobt, die zur Festnahme des ehemaligen Justizministers des Gaddafi-Regimes führen - er war zur Opposition übergelaufen.

Sind diese Maßnahmen Taten eines chronisch gewalttätigen Diktators oder die letzten Zuckungen eines Staatschefs, der sein Ende nicht akzeptieren kann? Die jüngsten diplomatischen Ereignisse lassen ahnen, dass die Tage des Wüstendiktators nun endgültig gezählt sein könnten: Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen den sofortigen Rücktritt des libyschen Diktators fordern.

Das geht aus dem Entwurf der Abschlusserklärung des Sondertreffens der EU-„Chefs“ hervor, das an diesem Freitag in Brüssel stattfindet. „Oberst Gaddafi muss seine Macht sofort aufgeben“, heißt es in dem Papier, das der Nachrichtenagentur dpa in Brüssel vorliegt.

Gaddafi spürt offenbar dass es für ihn eng wird: Mit einer Mischung aus Drohungen und Hinterzimmergesprächen versucht er im letzten Moment den Westen für sich einzunehmen - denn der verhandelt bereits mit dem libyschen Nationalrat über eine Anerkennung des Rebellen-Gremiums als offizielle libysche Regierung.

Ein Vertrauter Gaddafis wurde am Mittwoch in Lissabon vom portugiesischen Außenminister Luís Amado empfangen. Über den Inhalt des Gesprächs von Amado mit dem libyschen Emissär
wurde in Lissabon portugiesischen Medienangaben zufolge nichts bekannt. Portugal hat den Vorsitz in dem UN-Komitee, das die Umsetzung der Sanktionen der Vereinten Nationen gegen Gaddafis Regime überprüft.
Wie der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira berichtete, sollen Vertraute Gaddafis bei der EU und der Nato für die offizielle libysche Position werben. Nach Kairo wurde General Abdurrahman
al-Sawi geschickt. Er solle eine Botschaft Gaddafis an die ägyptische Führung überbringen, hieß es. Zudem wolle er den Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, treffen - sie will am Samstag über die Errichtung einer Flugverbotszone reden.

Kommentare zu " Bürgerkrieg in Libyen: Gaddafi lässt BBC-Journalisten foltern"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%