Bürgerkrieg in Libyen
Wahrheit und Propaganda vor den Bomben

Die Wahrheit ist auch in Libyen das erste Opfer des Krieges: Lässt Gaddafi gezielt sein eigenes Volk bombardieren? Der Westen sollte sich sicher sein, bevor er angreift - sonst könnte Libyen zum neuen Irak-Krieg werden.
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BrüsselDer Westen hat grünes Licht für einen Militärschlag gegen das Gaddafi-Regime. Doch die bislang vorliegenden Beweise für systematische Gräueltaten des Diktators gegen die Zivilbevölkerung sind dünn - trotz Spionagesatelliten und anderer Aufklärungstechnik.

Was ist Propaganda und was ist Fakt? Die Libyen-Resolution der Vereinten Nationen stellt die westlichen Militärmächte vor ein altbekanntes Problem. Die genaue Lage im nordafrikanischen Land ist unklar. Trotz Spionagesatelliten und Awacs-Aufklärungsflugzeugen sind wasserdichte Beweise für Angriffe des Gaddafi-Regimes auf die Zivilbevölkerung Mangelware.  

Vor allem an den Berichten der Aufständischen über systematische Luftschläge gibt es Zweifel. Aber diese sollen maßgeblich das westliche Einschreiten rechtfertigen. „Schauen Sie sich nur mal die Nachrichtenlage der vergangenen Tage an“, kritisiert ein hochrangiger EU-Vertreter, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. „Morgens heißt es: Dieser und jener Ort ist dem Erdboden gleichgemacht. Mittags ist dann auf einmal alles in Ordnung.“ An der Gewalt des Gaddafi-Regimes gebe es keine Zweifel - ein exaktes Lagebild scheine aber niemand zu haben.  

Was fehlt, sind vor allem unabhängige Informationen. Die Spionagesatelliten der westlichen Militärmächte können von ihren Erdumlaufbahnen in der Regel nur zwei Mal innerhalb von 24 Stunden einen Blick auf Libyen werfen. Awacs-Aufklärungsflugzeuge der Nato kreisen zwar rund um die Uhr im Mittelmeerraum. Bislang hielten sie allerdings stets einen Sicherheitsabstand zum libyschen Luftraum.  

„Für großflächige Bombardements müsste es Beweise geben“, erklärt ein Experte. Die auf Fernsehbildern gezeigten Einschlagkrater könnten auch von Artilleriegeschossen stammen. „Wir haben keine handfesten Hinweise, dass es flächendeckende Bombardements gibt“, sagte vor wenigen Tagen ein hochrangiger EU-Vertreter. „Da muss Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zusammengeführt werden“, ergänzt ein Militär.  

Wahrscheinlich ist, dass Gaddafi den Informationsmangel in den vergangenen Tagen und Wochen ausgenutzt hat. Um den Westen von einem schnellen militärischen Eingriff abzuhalten, tat er alles dafür, der Öffentlichkeit keine eindeutigen Beweise für Gräueltaten zu liefern. Bei Berichten über Luftangriffe und Tote mussten sich die Medien auf die schwer belegbaren Angaben der Aufständischen verlassen.

„Gaddafi hat es nicht ungeschickt gemacht“, kommentiert ein Offizier aus einem Nato-Land. „Das war ein Ritt auf der Rasierklinge.“  Kaum bereiten Staaten wie Frankreich und Großbritannien Luftangriffe vor, ruft Gaddafi vorbeugend eine Waffenruhe aus.

Doch manche Diplomaten und Verteidigungsexperten bezweifeln sowieso, ob Luftschläge Gaddafi noch den Sieg über die Aufständischen nehmen könnten. „Die Chance ist vorbei. Gaddafi hat sein Ziel bereits erreicht“, lautet eine Einschätzung. Selbst wenn die libysche Luftwaffe komplett ausgeschaltet werde, könne der Diktator weiter auf seine Bodentruppen setzen. Die ließen sich nicht aus der Luft bekämpfen, ohne dass große Opfer in der Zivilbevölkerung drohten.

Welche Folgen ein Militärschlag ohne gesicherte Beweise haben kann, hat der jüngste Irakkrieg gezeigt. Die USA marschierten im März 2003 mit Verbündeten in den Irak ein und stürzten Diktator Saddam Hussein. Als Grund für die Invasion wurden Massenvernichtungswaffen Husseins genannt. Später stellte sich heraus, dass es sie gar nicht gab. Die Glaubwürdigkeit der damaligen „Koalition der Willigen“ leidet bis heute darunter.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Bürgerkrieg in Libyen: Wahrheit und Propaganda vor den Bomben"

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  • das klingt sehr nur nach dem "pragmatischen Argument": Weil wir unglaubwürdig dastünden, sollten wir ohne klare Beweise keine Flächenbombardements gutheißen. Wie wäre es denn mit dem "ethischen Argument": Man darf keine fremden Länder bomardieren.

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