Bürgermeisterwahl in Moskau
Nawalny fordert den Kreml heraus

Zum ersten Mal seit zehn Jahren dürfen die Menschen in der größten Stadt Europas ihren Bürgermeister wieder direkt wählen. Und mit dem charismatischen Kremlgegner Nawalny ist sogar ein Kritiker des Kreml zugelassen.
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MoskauDie Stimmung an diesem Sonntag in Europas größter Stadt, die einen Bürgermeister wählen soll, ist gespenstisch. Der Himmel über Moskau wolkenverhangen, die mächtigen Prospekte wie leer gefegt. Und das bei einem Urnengang, den viele historisch nennen.

Nicht nur können die Moskauer erstmals seit zehn Jahren überhaupt wieder ein Stadtoberhaupt selbst wählen – vorher hatte das stets Kremlchef Wladimir Putin einfach festgelegt. Es ist der Tag der Entscheidung für Alexej Nawalny als Galionsfigur der russischen Protestbewegung und für den vom Kreml gestützten Technokraten Sergej Sobjanin.

Mit dem erst 37-jährigen Nawalny ist zum ersten Mal auch echte Konkurrenz zur herrschenden Nomenklatura zugelassen. Der Anwalt und Blogger ist dem Kreml ein Dorn im Auge, weil er Putins System immer wieder als korrupt, hintertrieben und voller Willkür brandmarkt.

„Geht wählen – ändern wir Russland“

Putin schien noch kurz vor der Wahl die Strafverfahren gegen Nawalny zu verteidigen: Wo „dieser Mann“ aufkreuze, gebe es Ärger, meinte der Kremlchef. Und bei seiner Stimmabgabe sprach er Nawalny indirekt aber deutlich die Eignung ab. „Großstädte benötigen keinen Politiker, sondern einen Menschen, der zu arbeiten versteht“, sagte Putin in die Mikrofone.

Doch der wortgewandte Charismatiker Nawalny, der mit seiner Frau Julia und den Kindern noch dazu eine Vorzeigefamilie abgibt, nimmt solchen Schimpf von Putin als Bestätigung, dass er richtig handelt. „Geht wählen – ändern wir Russland, fangen wir in Moskau an“, schrieb er am Sonntag in einem Blog.

Dass sich der vor allem bei jungen Menschen beliebte Populist erstmals einer Wahl stellt, gilt auch als Krönung seiner Führungsrolle in der immer noch heillos zerstrittenen Opposition. Nawalny hat wie kein anderer der insgesamt sechs Moskauer Kandidaten einen leidenschaftlichen Straßenwahlkampf geführt.

Aber es war aus Sicht vieler Beobachter auch ein aussichtsloses Gefecht gegen die mächtigen Mühlenflügel des Kreml: Der 55 Jahre alte Amtsinhaber Sobjanin genießt den Rückhalt Putins, die uneingeschränkte Zuwendung der Staatsmedien – und den für viele Russen tadellosen Ruf eines disziplinierten Apparatschiks, der den Moloch Moskau am ehesten in eine gute Zukunft steuern kann.

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Der Kreml überlässt nichts dem Zufall

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