Bürgerrechte in China: Wie zu Zeiten der Kaiser

Bürgerrechte in China
Wie zu Zeiten der Kaiser

Wer im alten China gegen erlittenes Unrecht protestieren wollte, machte sich auf die Reise nach Peking. In der Hauptstadt, so die Hoffnung, würde die höchste Instanz im Lande für Gerechtigkeit sorgen. Oft mussten die Verzweifelten monatelang warten, denn der Kaiser und sein Gefolge verließen selten die Mauern des Palastes. Nur wer viel Glück hatte, schaffte es, seinen Fall vorzubringen, und bekam Hilfe – oder auch nicht.

PEKING. Der Ort der letzten Hoffnung liegt heute nur ein paar Kilometer vom Kaiserpalast entfernt. In der Gegend um Pekings Südbahnhof leben diejenigen, die aus der Provinz in der Hoffnung hergekommen sind, dass die Zentralregierung sie anhört. Im Sammelbecken für Chinas tägliches Justizunrecht harren Zehntausende aus, die um ihr Recht kämpfen wollen. Menschenrechtler schätzen das gestrandete Heer der Verzweifelten auf 150 000 Menschen. Eine Geisterstadt der Rechtlosen, größer als Heidelberg.

Die Männer und Frauen kommen aus allen Provinzen. Sie hausen in überfüllten und verwahrlosten Wohnblocks am Bahndamm oder schlafen auf der Straße unter freiem Himmel. Jedes Jahr werden es mehr. Denn in Chinas Rechtssystem geht es im 21. Jahrhundert noch immer zu wie zu Kaisers Zeiten.

Viele Chinesen fühlen sich von Behörden, Gerichten, Polizei und Politikern betrogen. Wie die 53-jährige Mutter, die seit Jahren um die Freilassung ihres Sohnes kämpft. Er sei fälschlich zum Tode verurteilt, sagt sie. Die stämmige Frau ist eine wandelnde Wandzeitung am Südbahnhof. Sie hat auf ihrem weißen Umhang alles aufgeschrieben. Damit jeder ihren Protest lesen kann.

Eine andere Frau erzählt, wie immer wieder die Zeugnisse ihres Sohnes gefälscht worden seien, um ihm die Karriere zu verbauen. Ein Bauer aus Jiangxi bezichtigt den Lokalfilz in seinem Ort, bei einem Staudammprojekt Geld unterschlagen zu haben. „Die Behörden daheim hassen mich“, sagt er. „Wie sollen die mir bei meinem Problem helfen?“

Vom Viertel um den Südbahnhof pilgern jeden Morgen Karawanen zum Petitionsbüro der Regierung in die Stadt. Wenige werden vorgelassen, für die anderen bleibt nur ein neuer Tag, ein neuer Versuch.

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