Bulgarien
Schwarzmeerland besinnt sich mit Wein und Tourismus auf alte Stärken

Goldstrand und Goldrebe - trotz edler Namen zählten Bulgariens Weingüter und Hotels in der Vergangenheit meist zum Billigsegment. Doch nun wollen Winzer und Hoteliers am Schwarzen Meer weg vom Billigimage - und in der Krise die Qualität verbessern.

SOFIA. An Zar Simeon scheiden sich die Geister. Nicht an Bulgariens historischem Staatsoberhaupt, sondern am bekanntesten Wein des Landes: Als "tief, aristokratisch und verführerisch nach reifen Kirschen duftend", beschreibt ihn ein Hanseatisches Weinhandelshaus. Demhingegen hieß es nach einer lokalen Weinverkostung: "Leider ist der Zar verweichlicht wie der alte Adel", "für den wahren Adel fehlt die Strenge". Vielleicht liegt es auch an der Herkunft. Denn der hochdekorierte Rebsaft ist eine Cuvée aus Merlot und Cabernet Sauvignon - und nicht aus den nur in Bulgarien existierenden Traubensorten Pamid, Mavrud oder Melnik. Bulgarien ist Weinland mit mehr als 3 000-jähriger Tradition, die allerdings durch das Weinverbot während der Ottomanen-Herrschaft für fünf Jahrhunderte bis 1878 durchbrochen wurde.

Am jetzt anstehenden Umbruch im bulgarischen Weinbau hat ausnahmsweise die weltweite Wirtschaftskrise keine Schuld. Vielmehr muss Bulgarien seine Kelter-Industrie wegen des sich wandelnden Konsums drastisch reformieren: "Den bisherigen freien Fall der Weinverkäufe müssen wir sofort stoppen und dürfen nicht weiter im Billigsegment unser Heil suchen", rief Sofias Agrarminister Waleri Zwetanow auf der jüngsten Weinmesse in Plowdiw die Winzer zur Kehrtwende auf.

In kommunistischen Zeiten war das Land mit fünf Millionen Hektolitern Wein der größte Lieferant der Sowjetunion. Und noch heute ist Russland mit rund 60 Prozent der größte Abnehmer der Erzeugnisse bulgarischer Keltereien. Allerdings ist Bulgariens Weinproduktion auf einer Anbaufläche von 97 000 Hektar inzwischen auf 1,38 Millionen Hektoliter zurückgegangen. Und Radoslaw Radew vom Weinerzeuger Vinimpex ergänzte den Landwirtschaftsminister, indem er ebenfalls eine Abkehr vom Billigsegment forderte und der bisherigen Abhängigkeit eine Absage erteilte: "Ich kann nur warnen, weiterhin einseitig auf Lieferungen nach Russland zu setzen."

Die Aufrufe sind berechtigt. Denn mit der politischen Wende vor 20 Jahren fiel auch das Staatsmonopol auf Wein, die riesigen staatlichen Weinfabriken gerieten unter Druck, viele private Winzer bauten sich kleine Kellereien auf. Doch noch immer heftet dem bulgarischen Rebsaft das süß-billige Image des "Rosentaler Kadarkas" an. Doch Arend Heijbroek, Wein-Analyst der holländischen Rabobank, sieht das Land der Rosen und des Knoblauchs auch beim Wein "wegen einer Reihe international ausgerichteter Firmen" relativ gut aufgestellt.

Ähnlicher Wandel steht für Bulgarien auch in einem weiteren wichtigen Wirtschaftszweig an: Im Tourismus. Nachdem im vorigen Jahr die Zahl ausländischer Urlauber noch um 10,4 Prozent auf 5,7 Millionen gestiegen war und die Touristen so 2,4 Mrd. Lewa ins Land trugen, rechnet Anelia Kruschkowa, Chefin der bulgarischen Agentur für Tourismus, für 2009 damit, dass "auch Bulgarien von der Weltkrise nachhaltig erschüttert wird". Schon in der Wintersaison sei die Zahl der Urlauber zwischen Donau und Schwarzem Meer zwischen 15 und 20 Prozent zurückgegangen, sagte sie. Für die Sommersaison rechne sie mit drastischeren Einbrüchen in dem Land mit seiner Schwarzmeerküste, den Rosentälern und Donauauen: Bei den Frühbuchungen lägen die Raten teilweise nur noch bei der Hälfte von 2008.

Wie beim Wein, hängt auch in der Tourismus-Branche viel von Russland ab: Wird der von Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen bedrohte russische Mittelstand auch in diesem Jahr die beliebten Ferienorte Sonnenstrand und Goldstrand bevölkern? 250 000 Russen kamen voriges Jahr als Touristen nach Bulgarien und gaben dort durchschnittlich 1 000 Euro pro Besucher aus. Dabei belastet nun auch die Koppelung der bulgarischen Währung Lew an den Euro, weil das Land für die durch starke Abwertungen getroffenen Osteuropäer nun teuer wird.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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