Bundesaußenminister auf Ostasien- und Ozeanienreise
Fischer fordert Lösung im Ost-Timor-Konflikt

Bundesaußenminister Joschka Fischer hat Australien indirekt zu einer Lösung im Konflikt mit Ost-Timor aufgefordert. Er habe mit Australiens Premier John Howard und Außenminister Alexander Downer über die Pazifik-insel gesprochen, sagte Fischer heute Morgen in der australischen Hauptstadt Canberra. Es sei "Sache von zwei befreundeten Staaten", die Auseinandersetzung zu lösen. Downer berichtete, man bewege sich aufeinander zu, er sei "vorsichtig optimistisch". Das nächste Treffen der beiden Länder ist für März geplant.

DILI/CANBERRA. Australien und Ost-Timor streiten seit zwei Jahren um die maritime Hoheitsgrenze zwischen den beiden Ländern, die aufgrund der Öl- und Gasvorkommen in der Timorsee von großer Bedeutung für die wirtschaftliche Zukunft der Insel im Südpazifik ist. Das kleine Land, das sich offiziell Timor Leste nennt, liegt dem Bundesaußenminister offensichtlich am Herzen. Als Friedensnobelpreisträger und Außenminister Ost-Timors José Ramos-Horta vergangenen Samstag dem "lieben Freund Jochka Fischer" dafür dankt, "uns zu besuchen", mag sich der Deutsche zwar einen kurzen Moment selber fragen, warum er um den halben Erdball geflogen ist, sich Schlaf-losigkeit, Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit aussetzt, um ein junges, nach internationaler Beachtung suchendes Südpazifikland für sechs Stunden anzufliegen. Doch Fischer hatte es Ramos-Horta zugesagt und Versprochen ist Versprochen, so will es auch der Außenminister halten. "Tief beeindruckt" sei er von den Fortschritten auf der Insel, sagte der Minister auf seiner Reise in die Region, die ihn auch noch nach Neuseeland führt - weit weg von allen negativen Schlagzeilen in Deutschland. Aber, auch in der Ferne ist es nicht leicht, in Ost-Timor etwa "ist noch ein komplizierter Weg zu gehen".

Ost-Timor ist der erste neue Staat im dritten Jahrtausend - nach 400 Jahren portugiesischer Kolonialgeschichte und 24 Jahren indonesischer Besatzungszeit seit 20. Mai 2002 unabhängig. Es fehlte an fast allem, nachdem die indonesische Armee und vom Militär unterstützte örtliche Milizen mit einer Politik der verbrannten Erde auf den Ruf nach Unabhängigkeit reagierten. Das war 1999. Innerhalb einer Woche wurden Hunderte Ost-Timoresen getötet und Tausende vertrieben, 80 Prozent der Infrastruktur wurde zerstört.

Um die Menschenrechtsverletzungen zu beenden, landeten internationale Truppen unter zunächst australischem Kommando in Timor Leste. Später übernahm die Uno die Übergangsverwaltung. Seit dem Tag der Unabhängigkeit unterstützt die Uno das Land bei der Etablierung demokratischer Strukturen und den Aufbau eines Rechtsstaates. Das Mandat, mehrmals verlängert, soll am 20. Mai 2005 endgültig auslaufen.

Anlässlich des Fischer-Besuchs plädierte jetzt Ramos-Horta für den weiteren Verbleib von zivilen Uno-Mitarbeitern für ein Jahr. Auf ihren Abzug scheint Ost-Timor tatsächlich wenig vorbereitet zu sein - unabhängig von so mancher Verschwörungstheorie, nach der marodierende Milizen angeblich schon wieder im Anmarsch sind. Die Sicherheitslage an der Grenze zum indonesischen West-Timor gilt als weitgehend stabil, doch vor allem im Justiz- und Polizeisektor gibt es noch große Defizite. "Eine Katastrophe, was sich hier abspielt", urteilt Brigitte Schmid, Richterin am Uno-Sondergericht in Osttimor und zuständig für die juristische Aufarbeitung der Verbrechen von 1999.

Als eine Ursache für die Probleme in Ost-Timor gilt das Sprachengemisch. Offizielle Landessprachen sind Por-tugiesisch und Tetum, hinzu kommen als Arbeitssprachen Indonesisch und Englisch. 52 Prozent der rasant wachsenden, heute etwa 800 000 Menschen zählenden Bevölkerung sind Analphabeten. Der Aufbau der Wirtschaft steht erst am Anfang. Eine industrielle Basis fehlt, in den Export geht kaum mehr als ein wenig Öl, Gas und Kaffee. Die Arbeitslosigkeit beträgt mehr als 40 Prozent. Timor Leste gehört zu den ärmsten Ländern der Welt: bald die Hälfte der Bevölkerung hat täglich nur einen Dollar zum Überleben.

Vorläufig bleibt Ost-Timor auf die Gunst internationaler Geldgeber angewiesen - auch auf Deutschland, das bislang (1999 bis 2006) insgesamt 34,1 Millionen Euro an bilateraler Entwicklungshilfe bewilligt hat. Ohne Gegenwert ist die Hilfe nicht: Ost-Timor, bekräftigte Außenminister José Ramos-Horta entschieden, unterstütze den deutschen Wunsch nach einem ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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