Bundeskriminalamt
Extremisten auf der Spur

Interviews mit Inhaftierten stehen im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes des Bundeskriminalamts. Anhand von Lebensgeschichten versuchen Sozialwissenschaftler Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen religiösen Fundamentalisten sowie Links- und Rechtsextremisten zu erkunden. Neben Biografiestudien verfolgen sie noch ein ehrgeizigeres Vorhaben: Ist Terrorprognose möglich?

BERLIN. Hin und wieder geht Thomas Schweer in den Knast. Dort besucht er dann männliche Extremisten, mal welche aus dem linken, mal aus dem rechtsradikalen Milieu. Und mal solche, die aus einem religiösen, islamistisch geprägten Umfeld kommen.

Die Kontakte zu den Inhaftierten kommen meist über ihre Anwälte zu Stande. Häufig zieht sich die Kontaktaufnahme lange hin, wenn sie denn überhaupt zu Stande kommt.„Der Feldzugang ist besonders schwierig“, heißt es in einer vorläufigen Auswertung. Manche lehnten jedes Gespräch strikt ab, andere sprächen wie unbeteiligt, wieder andere seien so mitteilsam, dass die Interviewer überrascht seien.

Um die drei Stunden lang sind die Gespräche, die Thomas Schweer, immer an einem strukturierten Leitfaden entlang, führt und die er auf Tonband mitschneidet. Die inhaltliche Analyse unternimmt Schweer anschließend an seinem Arbeitsplatz, dem Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung e. V. an der Universität Duisburg-Essen. In dieser öffentlich-privaten Denkfabrik leitet der promovierte Sozialwissenschaftler die Projektgruppe „Abweichendes Verhalten und Soziale Kontrolle (ASK)“.

Die Interviews mit den Inhaftierten stehen im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes des Bundeskriminalamts (BKA), das in Kürze abgeschlossen werden soll. Titel: „Extremismen in biografischer Perspektive – eine qualitative Vergleichsstudie zum Links-, Rechts- und islamistischen Terrorismus“. Damit sollen Ermittlungen unterstützt und präventive Strategien befördert werden.

„Gibt es ,typische’ biografische Weichenstellungen“, so umreißt ein BKA-Papier die Kernfrage, „die zielgerichtete Ermittlungen und konkrete Ansatzpunkte zur kriminalpräventiven Einflussnahme nahe legen?“ Uwe E. Kemmesies nennt das „klassische sozialwissenschaftliche Forschung mit polizeilichem Bezug“. Solche Erkenntnisse könnten für den G8-Gipfel in Heiligendamm von Belang sein, wo Kemmesies zu erhöhter Wachsamkeit rät.

Der 43-jährige promovierte Sozialwissenschaftler leitet seit knapp zwei Jahren im BKA die „Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus“. Sie besteht aus zehn Mitarbeitern – Sozial- und Politikwissenschaftlern, Psychologen und Pädagogen –, aber auch erfahrenen Vollzugsbeamten. Sie alle operieren von einer schmucklosen BKA-Dependance aus, im Gewerbegebiet von Mainz-Kastel. Bislang sind die BKA-eigenen Terrorforscher ziemlich einmalig, mindestens in Europa – Ende Juni wollen sich auf EU-Ebene Polizisten und Politiker treffen, um Erfahrungen im Umgang mit sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen auszutauschen und eventuell zu übernehmen.

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