Bundespräsidentenwahl in Österreich
Van der Bellen siegt im Wahl-Krimi mit hauchdünnem Vorsprung

Der Wahlkrimi um das höchste Staatsamt in Österreich ist zu Ende. Mit dem besseren Ausgang für Ex-Grünen-Chef Alexander van der Bellen. Er besiegt den FPÖ-Politiker Norbert Hofer mit einem Vorsprung von 0,3 Prozent.
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WienMit großer Spannung haben die Österreicher und viele Europäer das Endergebnis der Bundespräsidentenwahl in der Alpenrepublik erwartet. Am Ende war es sehr knapp: Ex-Grünen-Chef Alexander van der Bellen hat den Wahlkrimi gegen den rechtspopulistischen FPÖ-Politiker Norbert Hofer für sich entschieden. Der hauchdünne Vorsprung von 0,3 Prozent entspricht 31.026 Stimmen. Erst durch das Auszählen der vielen Briefwählerstimmen konnte das Patt am Wahltag beseitigt werden.

Noch bevor der letzte Wahlkreis ausgezählt war, gestand Hofer seine Niederlage ein. Hofer schrieb um kurz nach 16 Uhr auf seiner Facebookseite: „Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst.“ Die Wahlbeteiligung war mit 72,7 Prozent deutlich höher als 2010 (53,6 Prozent).

Der spannende Urnengang zeigt die tiefe Spaltung Österreichs. Auf der einen Seite sind die Frustrierten, Zu-Kurz-Gekommenen und Protestierenden, die mit Hilfe eines rechtspopulistischen Präsidenten in der Wiener Hofburg einen Systemwechsel herbeisehnen. Auf der anderen Seite stehen die Bürgerlichen, Intellektuellen und Unternehmer, die an der Reformfähigkeit der verunsicherten Alpenrepublik mit einem liberalen und grünen Bundespräsidenten glauben.

Van der Bellen ging sofort auch auf die Wähler seines Gegners zu. „Ich möchte dem Land und allen Menschen hier dienen“, sagte er. Die Zweiteilung der Wählerschaft könne man auch so sehen: „Es sind zwei Hälften, die uns ausmachen.“ Beide seien gleich wichtig. „Gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich“, sagte Van der Bellen. Er glaube daran, dass Österreich ein großes Land sei, und er glaube an die Zusammenarbeit aller Menschen.

Die Wahl ist aber vor allem ein Votum gegen den Filz der beiden Großparteien, der sozialdemokratischen SPÖ und der konservativen ÖVP. Ihre Kandidaten hatten es erstmals in der Geschichte des Alpenlandes seit dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal in die Stichwahl geschafft. Die Bürger haben mit ihrem Votum bei der Bundespräsidentenwahl gegen den rot-weiß-roten Filzstaat mit seiner schamlosen „Freunderlwirtschaft“ protestiert. Die Postenschieberei, die Machtarroganz und die Bürokratisierung hat das Land zwischen Bodensee und Neusiedler See polarisiert.

In der österreichischen Wirtschaft wird der knappe Sieg von Van der Bellen mit Erleichterung aufgenommen. Der pensionierte Wirtschaftsprofessor gilt als liberaler Politiker. Die Industrie erwartet, dass der 72-Jährige den Reformkurs des Landes unter dem neuen Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) unterstützt. „Entscheidend wird sein, dass der neu gewählte Bundespräsident durch sein Handeln und seine Entscheidungen dazu beiträgt, dass Vertrauen und Optimismus in weiten Teilen der Gesellschaft wieder gestärkt werden“, sagte der Unternehmer Georg Kapsch, Präsident des Industriellenvereinigung, am Montagabend.

„Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass sich Österreich in einem tiefgreifenden Wandel befindet, von dem Gesellschaft, Wirtschaft und Politik intensiv betroffen sind. Diese Veränderungen müssen mit einer faktenbasierten Diskussion und innovativen, zukunftsorientierten Lösungen aktiv begleitet und gestaltet werden.“ Österreich, als kleine offene Volkswirtschaft, profitiere überdurchschnittlich von freiem Handel und seiner Integration in Europa, mahnte Kapsch. Wahlverlierer Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ wandte sich gegen das Freihandelsabkommen TTIP.

Generell wird die größte Aufgabe des neuen Bundespräsidenten Brücken über den tiefen Graben in der Gesellschaft zu bauen. Denn Österreich braucht angesichts der vielen Herausforderungen und der politischen Zerrissenheit eine neue Kultur des Kompromisses. Statt Missgunst und Neid benötigt das Land Kooperationsbereitschaft und Miteinander – Dialog statt Verteufelung des politischen Gegners. Nur durch eine konstruktive Zusammenarbeit über die ideologischen Gräben hinweg, kann die Alpenrepublik wieder an frühere Zeiten anknüpfen und die Identitätskrise überwinden.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

Kommentare zu " Bundespräsidentenwahl in Österreich : Van der Bellen siegt im Wahl-Krimi mit hauchdünnem Vorsprung"

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  • "... es geht für die Leute darum, wann gehe ich in Rente, was zahle ich als Mieter u.s.w."

    Ja, und? Mir auch.

  • Dr. Lammert freut sich, dass in Deutschland der Bundespräsident nicht vom Volk gewählt wird.

    Wäre wahrscheinlich für ihn zu stressig.

  • Merkel: „Erdogan hat nicht alle meine Fragen beantwortet“

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