Bundeswehrangriff
Streit über Zivilopfer in Afghanistan belastet Nato

Der verheerende Nato-Luftangriff in Nordafghanistan hat gegenseitige Schuldzuweisungen ausgelöst, die das Verhältnis zwischen Deutschland und den Verbündeten belasten. Während der Isaf-Obebefehlshaber Stanley McChrystal den Luftangriff der Bundeswehr als Fehlentscheidung bezeichnet, ist Berlin vor allem empört über die Informationspolitik der USA.

BRÜSSEL/DÜSSELDORF. Wie jetzt bestätigt wurde, kritisiert der Oberbefehlshaber der internationalen Schutztruppe Isaf, General Stanley McChrystal, den von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff in einem ersten Bericht als Fehlentscheidung des Bundeswehr-Kommandeurs vor Ort. Diesen Vorwurf wies das Bundesverteidigungsministerium zurück. Der frühere deutsche Nato-General Harald Kujat nannte die US-Einschätzung absurd.

Vor allem die Informationspolitik der Amerikaner stößt in Berlin auf Verärgerung. McChrystal hatte gleich nach dem Angriff einen Reporter zu den Untersuchungen zugelassen, der dann über ein Fehlverhalten des deutschen Oberst Georg Klein berichtete. Auch der vertrauliche Untersuchungsbericht werde von Nato-Kreisen in Brüssel gestreut, hieß es in Regierungskreisen. Dies könne eine Reaktion auf frühere Kritik aus Deutschland sein, bei den von den USA angeführten Angriffen werde zu wenig Rücksicht auf zivile Opfer genommen. Offiziell dementierte Nato-Sprecher James Appathurai, dass es einen "Isaf-Bericht gibt, in dem irgendwelche Schlussfolgerungen oder Bewertungen hinsichtlich des Zwischenfalls in Kundus stehen". Doch tatsächlich hatten mehrere Journalisten Zugang zu dem Vorbericht aus McChrystals Feder.

Hinter dem Streit steht eine Strategie-Änderung der USA. Nach seiner Ernennung durch Präsident Barack Obama hatte McChrystal im Juli verkündet, die Isaf müsse bei allen Aktionen zivile Opfer vermeiden. Dabei ist bislang ungeklärt, wer die Verantwortung für den Angriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen trägt, bei dem am Freitag mindestens 56 Menschen starben. Oberst Klein hatte die Aufklärung vor Ort betrieben und den Luftangriff angefordert.

Der Kommandeur vor Ort habe unter bestimmten Voraussetzungen das Recht, direkt Luftunterstützung anzufordern, sagte jetzt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums. Wie genau die Befehlskette abgelaufen sei, solle die Untersuchungskommission klären. Klein werde zwar noch im September nach Deutschland zurückkehren, was aber nicht im Zusammenhang mit dem Luftangriff stehe, sagte der Sprecher. Die Dienstzeit des Oberst ende "regulär".

Auch Kujat, einst Vorsitzender des Nato-Militärausschusses, wies eine Verantwortung Kleins zurück. "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ein deutscher Oberst über den Einsatz von amerikanischen F-15-Bombern entscheiden darf", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Verantwortlich für Planung und Ausführung der Luftoperationen sei die Luft-Koordinierungsstelle im Isaf-Hauptquartier, die McChrystal unterstehe.

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