Bush hält an Stationierung im Irak fest
US-Politiker fürchten zweites Vietnam

George W. Bush legt die Stirn in Falten und geht einen Schritt zurück. „Irak ist immer noch ein gefährlicher Ort“, sagt er und untermalt seine Worte mit einer weit ausholenden Armbewegung. Kurz zuvor hatte eine CNN-Reporterin im Rosengarten des Weißen Hauses gefragt, ob es nicht ein Fehler gewesen sei, am 1. Mai die größten Kampfhandlungen im Irak für beendet zu erklären.

WASHINGTON. Bush wiederholt es am Dienstagmittag mehrmals: „Lesen Sie in meiner Rede vom 1. Mai nach: Ich habe bereits damals davor gewarnt, dass der Irak ein gefährlicher Ort ist.“ Das klingt nach einer ordentlichen Portion Selbstrechtfertigung, doch gleich darauf folgt ein selbstkritischer Zungenschlag. Das Banner „Mission ausgeführt“, das im Hintergrund des Flugzeugträgers geprangt habe, gehe auf einen Vorschlag aus seinem Stab zurück, merkt Bush an und fügt hinzu: „Ich weiß nicht, ob das eine geniale Idee war.“ In seiner ersten Pressekonferenz seit dem 30. Juni bemüht sich Bush vor allem um Gelassenheit. Die US-Öffentlichkeit ist nach der jüngsten Anschlagswelle beunruhigt. „Ja keine Panik“, lautet die Devise, die Bush bis in die Feinheiten der Atemtechnik beherrscht. Syrien und der Iran, früher als „Achse des Bösen“ gebrandmarkt, werden vom Chef des Weißen Hauses fast liebevoll umgarnt: „Wir arbeiten mit beiden Staaten eng zusammen, um die Grenzkontrollen zu verstärken.“ Jetzt komme es darauf an, die Iraker in Sicherheitsfragen einzuspannen – auch bei den Aktivitäten der Geheimdienste. „Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt uns“, sagt Bush.

Der Auftritt des Präsidenten war ein kühl kalkulierter Auftritt. Angesichts der hitziger werdenden Irak-Debatte haben amerikanische Politiker erstmals ein bislang streng gehütetes Tabu geknackt: Sie verglichen die Lage am Golf mit dem Vietnam-Krieg. „Ich sehe eine Parallele, wenn ich die Informationen der Regierung den Fakten gegenüberstelle“, sagte der republikanische Senator John McCain, ein hoch dekorierter Vietnam-Veteran. McCain kritisierte damit Präsident Bush, der die Politik seiner Regierung auch nach der blutigen Anschlagsserie vom Montag als Erfolg verkauft hatte: „Je mehr Fortschritte wir am Boden erzielen, desto mehr werden diese Killer reagieren.“

Auch die Opposition verschärfte ihre Angriffe gegen Bush. So fühlte sich der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry, ebenfalls ein Vietnam-Veteran, an die Beschwichtigungen von Lyndon B. Johnson erinnert. Kerry stellte Bushs Logik offen in Frage: „Glaubt der Präsident denn wirklich, dass sich Selbstmordattentäter Sprengstoff umschnallen, weil wir den Irakern Strom und Jobs bringen?“

Selbst Militärexperten reden mittlerweile ungeschminkt über das frühere Tabu-Wort. „Die Überlegungen in der US-Regierung, bei der Bekämpfung des Gegners die eigene technische Überlegenheit auszuspielen, erinnert stark an Vietnam“, unterstrich Gebhard Schweigler vom Nation War College in Washington, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle. Der ehemalige Luftwaffen-Oberst Sam Gardiner verglich die jüngsten Anschläge zu Beginn des Fastenmonats Ramadan mit der Tet-Offensive in Vietnam 1968. „Wie damals nutzten die ‚bad guys' einen religiösen Feiertag, um ihre Stärke zu demonstrieren“, betonte Gardiner.

Der Hinweis auf die Tet-Offensive ist allerdings nur zum Teil berechtigt. Die Angriffe von Vietcong und Nordvietnamesen waren auf breiter Front organisiert und dauerten mehrere Wochen. Rund 66 000 Soldaten – darunter 3 895 Amerikaner – wurden dabei getötet. Von einer derartigen Größenordnung sind die Guerilla-Angriffe im Irak weit entfernt. Dennoch nimmt die Zahl der Attacken auf amerikanische Soldaten zu. Auch am Dienstag kam es wieder zu tödlichen Zwischenfällen. Bei der Explosion einer Autobombe nahe einer Polizeiwache und einer Schule in der Stadt Falludschah verloren mindestens sechs Menschen ihr Leben. Bei einem Anschlag in der Nähe der Stadt Mossul wurden vier US-Soldaten verletzt.

US-Außenminister Colin Powell appellierte an die Hilfsorganisationen, sich trotz der neuesten Attentatswelle nicht abschrecken zu lassen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) teilte mit, es werde seine humanitäre Arbeit im Irak fortsetzen. Die Zahl der bislang rund 30 ausländischen Mitarbeiter werde jedoch verringert, kündigte IKRK-Direktor Pierre Krähenbühl am Mittwoch in Genf an. Die rund 600 irakischen Mitarbeiter würden besser geschützt. Dabei wolle das Rote Kreuz die Besatzungsmächte jedoch nicht um Hilfe bitten.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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