Bush-Putin-Treffen
Viel Atmosphäre, wenig Substanz

Beim Treffen mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin auf seinem Sommersitz in Kennebunkport im Bundestaat Maine setzt US-Präsident George W. Bush Bush auf seine persönlichen Stärken – und arbeitet schon an seinem Erbe. Die russische Seite ist verblüfft.

WASHINGTON. Die Bilder sollen die Botschaft erzählen: Von einem US-Präsidenten, der respektiert wird, der souverän wirkt und der mit schwierigen Gästen umzugehen weiß. Von einem Präsidenten, der aufrecht bleibt und Kurs hält. Darum ging es bei der Begegnung von George W. Bush mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Kennebunkport – und weniger um politische Ergebnisse bei den Dauerthemen Iran, Raketenschild oder Kosovo.

Auf dem Familiensitz in Maine verfolgte Bush seine ganze persönliche Agenda. Als wolle er die vielen innenpolitischen Niederlagen der letzten Wochen und Monate vergessen machen, hofierte er Putin. Denn wenn schon nicht grundsätzliche Differenzen zwischen den beiden ausgeräumt werden können, so will Bush zumindest ein atmosphärisch intaktes Beziehungsgeflecht erhalten. Damit dies gelingt, setzte er auf das, was er am besten kann: Auf Ausstrahlung, Körpersprache, Nähe.

Die Russen zeigten sich beeindruckt. Sie seien mit einer Gastfreundschaft und Herzlichkeit empfangen worden, mit der sie gar nicht gerechnet hätten, zeigte sich Putins Sprecher Dmitrij Peskow sichtlich überrascht. „Konkret und mit Humor“ habe man miteinander gesprochen, sagte auch Außenminister Sergej Lawrow. Zudem habe man sich darauf verständigt, das Positive in den Beziehungen zwischen den USA und Russland zu betonen.

Negatives hatte es in der Vergangenheit zuhauf gegeben. Hin und her gingen die Verbalinjurien über den Atlantik, wobei Putin zuweilen tief unter die Gürtellinie zielte. Sein Vergleich der USA mit Nazi-Deutschland hatte in Washington nicht nur Leitartikler schwer erzürnt. Doch all dies sollte vergessen sein in Kennebunkport. Retten wollte Bush ein Russland-Projekt, das einst hoffnungsvoll begonnen hatte und dann im Anti-Terror-Kampf, in den Kriegen in Afghanistan und Irak zu einem Gutteil unterging. Bei einer Tour mit dem Motorboot und beim Genuss von frischem Hummer mariniertem Schwertfisch sollten sich Russen und Amerikaner entspannen.

Auf dem Tiefpunkt seiner Amtszeit

Gleichzeitig will Bush Handlungsfähigkeit demonstrieren. Denn eineinhalb Jahre vor dem Abgang befindet sich der 43. Präsident der USA an einem Tiefpunkt seiner Amtszeit. Nur noch wenige Themen mit Herzblut sind Bush geblieben. Eines davon, ein Gesetz zur Regelung der Einwanderung, starb in der vergangenen Woche einen schmerzvollen Tod. Bushs Autorität hatte nicht einmal mehr ausgereicht, um die Senatoren seiner eigenen Partei von seinem Konzept im Umgang mit legaler und illegaler Zuwanderung zu überzeugen. Seine republikanische Partei setzt sich ab von einem Mann, der 2001 über phantastische Sympathiewerte verfügte und dem sechs Jahre später nichts mehr gelingen will.

Keine Reform des Sozialsystems, keine Nothilfe wie im Fall des Hurricanes Katrina, keine Personalentscheidung wie jene von Justizminister Alberto Gonzales bis Ex-Weltbank-Chef Paul Wolfowitz – und vor allem: kein Erfolg im Irak. „Die Menschen haben genug von ihm“, lässt die „Washington Post“ einen anonymen republikanischen Kongressabgeordneten sagen. „Unsere Mitglieder wünschen, dass es nur endlich vorbei ist“, zitiert die „Post“ ihren Gewährsmann.

Trifft zu, was Insider berichten, dann beschäftigt sich Bush schon jetzt mit seinem Platz in der Geschichte. Er lässt Historiker, Philosophen und Theologen ins Weiße Haus bitten und diskutiert Themen, die weit hinaus reichen über das Erdendasein. Dass er noch zu Lebzeiten eine Wertschätzung seiner Arbeit als Präsident erfahre, habe er schon abgeschrieben. Bush setzt auf eine posthume Würdigung, auf eine späte Rechtfertigung seiner Anti-Terror-Politik, den Krieg im Irak mit eingeschlossen, auf eine Ehrung seiner Standhaftigkeit. Also beschäftigt sich der Präsident mit dem, was aus seiner Sicht noch zu retten ist. Vor allem mit dem Krieg im Irak, aber eben auch mit dem Verhältnis zu Russland. Dabei geht es ihm um nicht weniger als sein Erbe.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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