Bushs Wiederwahl
US-Präsident braucht die bunten Bilder

Der Amerikanische Friedhof in Colleville-sur-mer liegt wenige hundert Meter von Omaha Beach entfernt: jenem Strandstreifen, auf dem am 6. Juni 1944 die US-Soldaten in der Normandie gelandet sind. Hier wird der amerikanische Präsident George W. Bush am Sonntag wieder einmal den Geist der Vergangenheit beschwören. „Bushs Rede wird sich um das Opfer der USA beim Kampf gegen die Tyrannei drehen, und natürlich wird der Präsident die Brücke zum Irak schlagen“, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter der US-Regierung.

WASHINGTON. Anschließend ist ein Interview mit Tom Brokaw vom Fernsehsender NBC vorgesehen. Die Drehbuch-Schreiber des Weißen Hauses haben die Marschroute vorgegeben: Der silberlockige Brokaw, ein Schlachtross des amerikanischen TV-Journalismus, soll die Bilder vom „gerechten Krieg damals wie heute“ in die Wohnzimmer der Nation transportieren.

Fünf Monate vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen ist das heimische Publikum ein wichtiger Adressat. „Der Präsident will demonstrieren, dass die Dinge im Irak nun besser laufen“, betont Jeff Gedmin, Leiter des Aspen-Instituts in Berlin. Ob die Rechnung aufgeht, ist nach Ansicht des Washingtoner Meinungsforschers Andrew Kohut offen: „Wir wissen nur, dass sich die US-Öffentlichkeit jetzt wesentlich mehr für internationale Nachrichten interessiert als früher.“ Für Stephen Hess, Redenschreiber unter Ex-Präsident Richard Nixon, steht das „Flaggenschütteln“ für Bush dieses Mal im Hintergrund. Pluspunkte könne der Chef des Weißen Hauses dann einfahren, wenn er Rückendeckung für eine neue Uno-Resolution zum Irak bekomme.

Nichts benötigt Bush derzeit mehr als einen demoskopischen Lichtblick. Nach einer Umfrage der „Washington Post“ sind 58 Prozent der Amerikaner mit der Irak-Linie ihres Präsidenten unzufrieden. In den vergangenen Wochen hatte der demokratische Gegenkandidat John Kerry eine Breitseite nach der anderen abgefeuert: Bush habe die traditionellen Bündnispartner der USA durch seine unilaterale Irak-Politik verprellt, stichelte der Herausforderer. Deshalb sei es nun an der Zeit, die Vereinten Nationen viel stärker einzubeziehen. Da die Gewalt im Irak nicht abreißt, käme Bush eine weitere Verstimmung bei den Allianz-Partnern gänzlich ungelegen.

Deshalb versucht er, bei Kritikern wie Frankreichs Präsident Jacques Chirac oder Bundeskanzler Gerhard Schröder gut Wetter zu machen. „Die USA wollen den internationalen Schulterschluss“, lautet die Devise. Für Charles Kupchan, im Nationalen Sicherheitsrat von Bill Clinton für Europa zuständig, hat der Schmusekurs einen einfachen Grund: „Der Irak ist die größte Bedrohung für Bushs Wiederwahl.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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