Chaos im Irak
Ein Land am Scheideweg

Im Irak werden in diesen Tagen die Weichen für die Zukunft des Landes gestellt. Entweder gelingt es der Regierung, die Gewalt einzudämmen und einen Bürgerkrieg zu verhindern, oder die politische Neuordnung wird vollends gesprengt. Frustration macht sich auch in den USA breit. Dort wüten die Politiker, „Geld und Blut der Amerikaner“ seien völlig umsonst investiert worden.

HB BAGDAD. Der symbolträchtige Anschlag auf eine der wichtigsten Stätten der Schiiten und die Racheaktionen gegen sunnitische Moscheen kommen zu einem politisch äußerst sensiblen Zeitpunkt: Die USA und die gemäßigten Kräfte im Irak bemühen sich mit Hochdruck, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden, die Stabilität gewährleistet und eines Tages den Abzug der 130 000 US-Soldaten ermöglicht.

Die Gespräche über die neue Regierung waren zwei Monate nach den Wahlen des ersten irakischen Parlaments für eine volle Legislaturperiode ohnehin an einem problematischen Punkt angelangt. Schiiten und Kurden rangelten mit der sunnitischen Minderheit, die sich erst vor kurzem zu einer Beteiligung am politischen Prozess entschieden hat, um die Macht.

Die Konflikte klafften so tief, dass sich die USA und Großbritannien Anfang der Woche gezwungen fühlten, ihren Druck zu erhöhen. Man habe Geld und Blut nicht investiert, um es mit einer Regierung aus Vertretern radikaler Gruppen zu tun zu bekommen, drohte US-Botschafter Zalmay Khalilzad.

Auch US-Präsident George W. Bush bekräftigte in Washington seinen Appell an die Iraker, zu Ruhe und Ordnung zurückzukehren. Außenministerin Condoleezza Rice sagte auf ihrer derzeitigen Nahost-Reise, ein Bürgerkrieg sei ausschließlich im Interesse von Terroristen wie dem Al-Kaida-Anführer Abu Mussab al-Sarkaui.

Die aufflammende Gewalt wird die Kluft zwischen den Gruppen nun aber noch vertiefen und das Land Experten zufolge möglicherweise weiter auf einen Bürgerkrieg zutreiben. „Angesichts der Schwierigkeiten, die bei den Verhandlungen bereits aufgetaucht sind, ist es gut möglich, dass der gesamte Prozess jetzt in sich zusammenbricht“, sagte Joost Hilterman von der International Crisis Group, die umfangreiche Studien zur Entwicklung im Irak vorgelegt hat. „Die Polarisierung nimmt zu, nicht ab.“ Er hält die Gefahr eines Bürgerkriegs für „extrem real“.

Die mehrheitlich sunnitischen Rebellen versuchten seit Jahren, einen solchen kriegerischen Dauerkonflikt zu provozieren, seien bisher jedoch an ganz bestimmten Widerständen im Land gescheitert. „Dieser Widerstand beginnt zu bröckeln“, sagt Hilterman. Einer davon sei die schiitische Geistlichkeit.

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