Chaos in Ägypten
Im Würgegriff der Gewalt

Anarchie auf den Straßen Kairos, Schwerverletzte und Tote im ganzen Land. Ägypten erlebt eine Welle der Gewalt und bisher deutet nichts auf ein Ende hin. Die Regierung droht nun, die Muslimbrüder-Partei zu verbieten.
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KairoSeine Stimme überschlug sich bis an den Rand der Hysterie. „Diese Leute hissen die Flagge von Al Qaida im Herzen von Kairo und schießen mit Maschinengewehren auf Zivilisten. Wir appellieren an die westlichen Nationen, endlich zu begreifen, was hier vorgeht. Keine Regierung der Welt würde das inmitten ihrer Hauptstadt akzeptieren“, kreischte der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums, Bader Abdel Atty, in die Mikrophone. Ägypten werde jede internationale Einmischung zurückweisen, schimpfte er. „Das ist die Revolution vom 30. Juni und dies ist der Wille des Volkes.“

Ungeachtet solch martialischer Rhetorik, auch den politisch Verantwortlichen am Nil scheint angesichts der blutigen und anarchischen Zustände im ganzen Land langsam die Nerven durchzugehen. Sicherheitskräfte schießen kaltblütig auf Demonstranten, Menschen gehen mit Pistolen, Macheten und Messern aufeinander los, Geschäfte stehen in Flammen.

Reihen von Toten liegen in weiße Leinen gehüllt sogar in Moscheen aufgebahrt. Verletzte krümmen sich blutend auf den Gebetsteppichen.Nächtliche Schusswechsel hallen selbst durch die gehobenen Wohnviertel von Kairo wie Zamalek und Dokki, wo die meisten der ausländischen Botschaften liegen.

Auch am Samstag lieferten sich Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi und Sicherheitskräfte an der Fatah-Moschee in Kairo neue Feuergefechte. Präsidentenberater Mostafa Heagasi sieht das bevölkerungsreichste arabische Land im Krieg gegen den Extremismus. Dagegen werde sich Ägypten im Rahmen der Gesetze wehren. Seit der Eskalation der Gewalt nach der Räumung zweier Protestlager der Islamisten kamen 800 Menschen ums Leben.

Die Mursi nahestehenden Muslimbrüder riefen nach den schweren Zusammenstößen am Vortag zu einer Woche des Protestes auf. Bei Auseinandersetzungen am „Tag des Zorns“ waren nach neuesten Zahlen der Regierung 173 Menschen getötet worden. Die Regierung ging mit unverminderter Härte gegen die Islamisten vor: Sie nahm mehr als 1000 Muslimbrüder fest und prüft nun ein Verbot der Organisation.

Die Lage gerät praktisch Stunde für Stunde weiter außer Kontrolle. Die ganze Nacht zu Samstag lag eine Dunstwolke aus Brandgeruch und Tränengas über der Innenstadt, nachdem ausgerechnet die zentrale Blutbank des Landes nahe dem Ramses-Platz durch die Kämpfe in Brand geraten war. Zwischen 19 Uhr abends und 6 Uhr früh herrscht absolute Ausgangssperre, nicht nur in Kairo, auch in Alexandria sowie den oberägyptischen Städten im Niltal und im Nildelta.

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