Chaos nach den Brüsseler Anschlägen
Polizei lässt Verdächtigen wieder frei

Nach den Anschlägen in Brüssel stand zuerst die Trauer. Nun zeigt sich immer deutlicher, dass Behörden, aber auch Medien chaotisch handeln. Jüngste Volte: Der Terrorverdächtige Fayçal C. muss wieder freigelassen werden.

BrüsselTerroristen säen nicht nur Angst, sie sorgen auch für Chaos. Das ist beabsichtigt. Kafkaeske Züge trägt hingegen, wie die offizielle Kommunikation in Belgien nach den Anschlägen verläuft. Die jüngste Wendung, die auch durch die Medien betrieben wurde: Die belgischen Ermittler haben den zunächst unter Terrorverdacht verhafteten Fayçal C. am Montagnachmittag wieder freigelassen, nachdem er schon von vielen Seiten als der dritte Terrorverdächtige vom Brüsseler Flughafen beschrieben worden war. Die Hinweise, die zu seiner Festnahme führten, hätten sich nicht bestätigt, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag in Brüssel mit.

Die Beschreibung des auf den Bildern einer Überwachungskamera zu sehenden mutmaßlichen dritten Täters auf der Internetseite der Polizei wurde am Montag um ein Video ergänzt. Auf den Fahndungsbildern ist der Verdächtige gemeinsam mit den beiden späteren Selbstmordattentätern zu sehen, die als Ibrahim El Bakraoui und Najim Laachraoui identifiziert wurden. Der gesuchte Dritte steht auf dem Bild rechts. Er schiebt einen Gepäckwagen und trägt einen helle Jacke und eine dunkle Mütze.

Zwischenzeitlich hatten belgische Medien gemeldet, dass der dritte Gesuchte gefasst sei und geschrieben, es handele sich um den am Freitag festgenommenen Fayçal C.. Das war von den Behörden nicht offensiv dementiert worden, stattdessen veröffentlichten sie am Montag das Bildmaterial. Gegen ihn war wegen des Verdachts auf Beteiligung an terroristischen Morden im Zuge der Ermittlungen nach den Brüsseler Anschlägen Haftbefehl erlassen worden.

Chaotisch zeigt sich die Nachrichtenlage auch bei den Angaben über die Opfer. Zwar gab es schon am Dienstag vergangener Woche eine erste traurige Opferbilanz. Doch erst fünf Tage später wird klar, dass diese Zahlen keine Menschen erfassen, die erst im Krankenhaus gestorben sind.

Das nationale Krisenzentrum, also die Behörde, die seit den Anschlägen regelmäßig Bilanz zur Zahl der Toten und Verletzten zog, stellt am Sonntagabend eine Mitteilung auf ihre Website. Diese erwähnt beiläufig, dass die bisher mitgeteilte Zahl von 31 Toten keine Opfer umfasst, die später im Krankenhaus starben. Ein Sprecher kann am Telefon nur hilflos erklären: „Der Informationsfluss braucht Zeit.“ Für die Daten sei das Gesundheitsministerium zuständig. Bis zum Montagmorgen ist der Hinweis aus der online veröffentlichten Mitteilung entfernt worden.

Es bleibt der Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Ine Van Wymersch, überlassen, die Zahlen des Gesundheitsministeriums vor Journalisten zu präsentieren. Nun ist die Rede von 31 getöteten Opfern, vier zusätzlichen Personen, die später in Krankenhäusern verstorben sind und den drei toten Selbstmordattentätern. Dass die drei Attentäter mal Teil der bisherigen Opferbilanz von 31 Toten waren, mal nicht, nimmt sie auf ihre Kappe.

Dazu, warum das Gesundheitsministerium bis dahin keine Zahlen der später Verstorbenen nannte oder über das Krisenzentrum mitteilen ließ, ist zunächst keine Auskunft zu erhalten. Van Wymersch, die sich der Presse stellt, will keine öffentliche Schulddebatte führen. Die Sprecher von Krisenzentrum und Gesundheitsministerium schweigen. Doch es lässt sich vermuten, dass die verwickelten belgischen Strukturen - drei Sprachen, drei Regionen, zehn Provinzen, 589 Gemeinden - ein Übriges getan haben.

Auch das Krisenmanagement am Tag der Attentate gibt mit einigen Tagen Abstand Anlass zu öffentlichen Diskussionen. Bald nach den Anschlägen am Morgen des 22. März bricht das Brüsseler Mobilfunknetz zusammen. Der Bevölkerung wird geraten, auf noch mögliche SMS auszuweichen oder soziale Medien wie Facebook und Twitter zu nutzen - was auch die Behörden selbst tun. Später wird bekannt, dass auch der Telekommunikationsdienst „Astrid“ für Sicherheitsbehörden und Rettungsdienste ausgefallen ist. Die beiden Zeitungen „Nieuwsblad“ und „Gazet van Antwerpen“ wollen erfahren haben, dass die Dienste zum Teil auf den internetbasierten Anbieter Whatsapp ausgewichen sind.

Die Debatte, die sich Ende der Woche um die Schließung der U-Bahn am Tag der Anschläge entspinnt, wirft ebenfalls kein gutes Licht auf die Krisenabläufe. Zwar beteuert Innenminister Jan Jambon, nach den Explosionen am Flughafen gegen 8 Uhr und noch vor dem Anschlag in der Metro kurz nach 9 Uhr sei die Entscheidung gefallen, das Netz zu evakuieren. Die Brüsseler Verkehrsbetriebe Stib erklären hingegen, keine entsprechende Anordnung der Regierung erhalten zu haben. Jambon will die Sache aufklären lassen.

Kommunikationspannen sind das Eine, Ermittlungsfehler und Nachlässigkeit das Andere. Innenminister Jambon und Justizminister Koen Geens boten ihren Rücktritt an, nachdem deutlich geworden war, dass belgische Behörden einen wichtigen Hinweis der Türkei im Sommer 2015 zunächst verschliefen. Jambon kündigte ein Disziplinarverfahren gegen einen Verbindungsoffizier an, der in Istanbul tätig war. Der Polizist habe nicht schnell genug reagiert, als die Türkei einen der späteren Brüsseler Selbstmordattentäter, Ibrahim El Bakraoui, wegen Terrorverdachts festgenommen und in die Niederlande ausgewiesen hatte. Belgiens ausufernde Bürokratie lässt sich normalerweise als Skurrilität verbuchen. Nach den Anschlägen stiftet sie heillose Verwirrung.

Die Belgier lassen sich von all dem nicht in den Fatalismus treiben. Am Montag haben mehr als 1100 Menschen bei einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer gedacht. In der Kathedrale St. Michael und St. Gudula in der Innenstadt dankte der Erzbischof von Mechelen-Brüssel, Jozef De Kesel, den Rettungsdiensten für ihre Arbeit, berichtete die Nachrichtenagentur Belga am Montag.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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