China-Bücher
Literatur: Maos Erben im Politik-Labor

Die Volksrepublik China ist gerade 60 geworden. Trotz Ausreiseverbot für den Schriftsteller Liao Yiwu will sich das Land ab Mitte Oktober auf der Frankfurter Buchmesse als moderne Gesellschaft präsentieren. Kürzlich erschienene Bücher loten die Chancen hierfür aus.

DÜSSELDORF. China macht es dem Beobachter aus dem Westen leicht, sich an überholten Stereotypen zu orientieren: Ein starres, doktrinäres System, regiert von der Kommunistischen Partei, die zwar viel von Experimenten in der Wirtschaft hält, aber umso weniger von Menschenrechten, Demokratie und Meinungsfreiheit. Das Ausreiseverbot für den Schriftsteller Liao Yiwu und der Ton, den Chinas ehemaliger Botschafter in Deutschland vor kurzem in Frankfurt an den Tag legte, verstärken genau diesen Eindruck. „Wir sind nicht gekommen, um uns in Demokratieunterricht belehren zu lassen“, polterte Mei Zhaorong. „Diese Zeiten sind vorbei.“

Vorbei sind allerdings auch die Zeiten, in denen die KP wie ein monolithischer Block das Denken der Intellektuellen diktierte. China im Umbruch, das ist mehr als wirtschaftliche Modernisierung. China bricht zu neuen Ufern auf, macht sich daran, ein Gesellschaftsmodell zu entwickeln, das den Anspruch erhebt, eine Alternative zum Westen zu bieten. Dieser Aufbruch geht weder ohne langwierige Auseinandersetzungen vonstatten noch ohne Mut zu neuem Denken. Nur nach außen darf kein Dissens dringen. Darüber wacht die KP.

Zwei Bücher beschäftigen sich mit den Denkern und den Säulen des neuen Gesellschaftsmodells. Mark Leonard, Direktor für Internationale Politik am Centre for European Reform in London, spürt den Strömungen und brillanten Köpfen in „Was denkt China“ nach, die sich mit der Rolle des Reichs der Mitte in der Globalisierung beschäftigen. Der Zukunftsforscher John Naisbitt und seine Frau Doris haben sich in „Chinas Megatrends“ diesem Prozess gewidmet.

Beide Werke gehen von einer ähnlichen These aus: Ohne intellektuelle Autonomie wird es China nicht schaffen, Amerikaner und Europäer wirklich herauszufordern. China muss sich geistig emanzipieren. Leonard bringt uns dabei eine Reihe von chinesischen Intellektuellen nahe, die im Westen so gut wie unbekannt sind, aber maßgeblichen Einfluss auf die heftigen Debatten über Chinas Kurs haben. Er berichtet von seinen Begegnungen in einem sehr persönlichen, leicht lesbaren Stil, führt den Leser an Akademien, in denen über eine „alternative Moderne“ debattiert wird, und in ferne Dörfer, in denen Experimente in Basisdemokratie unternommen werden. Er veranschaulicht das Unbehagen über die Amerikanisierung Chinas und verfolgt die ersten, tastenden Schritte bei dem längst nicht abgeschlossenen Prozess, auf der Basis der jahrtausendealten Geschichte Chinas zu einem neuen Bild über sich und die Welt zu gelangen. China, so erfahren wir, ist in Wirklichkeit ein riesiges Labor für soziale Experimente, ein Labor, das über kurz oder lang ein klares chinesisches Gesellschaftsmodell herauskristallisieren wird.

Die acht fundamentalen Säulen dieses neuen Modells versucht das Ehepaar Naisbitt herauszuarbeiten. Seit 2007 betreibt es in Tianjin das „Naisbitt China Institute“, das sich zum Ziel gesetzt hat, aufgrund von Zeitungsanalysen und in Gesprächen mit Führungspersönlichkeiten die Entwicklungsgeschichte des modernen Chinas von innen heraus zu präsentieren. Naisbitt kommt zum gleichen Schluss wie Leonard: China schafft ein neues wirtschaftliches und soziales System. Ein System, das nicht in die gängigen Schemata westlicher Beobachter passt, ein System, das mit den bekannten Begriffen nicht richtig erfasst werden kann. Ein neues Vokabular für das, was sich in China tut, muss sich jedoch erst herausschälen. Und das ist Aufgabe der neuen Denker.

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