China
Das Nachbeben von Sichuan

Ein Jahr nach der Erdbeben gedenkt China der Opfer. Chinas Führung bleibt in der Kritik. Warum mussten so viele Schüler sterben? Viele Schulen wurden mit schlechtem Material errichtet. Die Eltern werfen den Behörden Schlamperei und Vertuschung vor. Doch die Behörden schüchtern Kritiker massiv ein.

PEKING. Vor einem Jahr war die Welt für Zhou Lekang noch in Ordnung. Doch als am 12. Mai 2008 die Erde in der westchinesischen Provinz Sichuan bebte, brach für ihn der Traum von einer glücklichen Familie zusammen. Sein 16-jähriger Sohn wurde mit 300 Kindern und Jugendlichen unter den Trümmern der Juyuan-Mittelschule von Dujiangyan verschüttet. Insgesamt kamen bei dem schwersten Erdbeben seit Jahrzehnten in China fast 70 000 Menschen ums Leben, 18 000 werden bis heute vermisst.

In der Juyuan-Schule überlebte kaum eines der Kinder. Die Schule sei baufällig gewesen, sagt Zhou: "Der Zement war minderwertig." Nicht nur in diesem Ort werfen die Eltern den Behörden Schlamperei und Vertuschung vor. Tausende von Schulen fielen durch das Erdbeben der Stärke 7,9 wie Kartenhäuser in sich zusammen, oft blieben die Häuser ringsum aber stehen.

Lokale Parteikader sollen sich Gelder für den Bau von Schulen in die eigene Tasche gesteckt und die Klassenzimmer mit billigem Material errichtet haben, lautet der Vorwurf. Doch die Behörden verweigern Details und schüchtern Kritiker massiv ein. Zahlreiche Eltern berichten, dass sie mit Polizeigewalt von einer Klage abgehalten wurden. Aktivisten, die versucht haben, die Baumängel aufzudecken, sitzen in Haft. Mehrere ausländische Journalisten sind in den vergangenen Wochen nach Angaben des Foreign Correspondent Club in Peking von lokalen Kräften angegriffen worden, darunter auch deutsche Reporter.

Chinas Führung, die nach dem Beben eine ungewöhnlich offene Berichterstattung aus dem Krisengebiet zuließ, fährt jetzt wieder einen harten Zensur-Kurs. Es dürfe keine Untersuchung gegen Offizielle im Zusammenhang mit der Katastrophe geben, hat erst vor wenigen Tagen der Justizchef der Provinz, Liu Zuoming, erklärt. Immerhin hat Chinas Regierung dem öffentlichen Druck etwas nachgegeben und erstmals die Zahl der ums Leben gekommenen Schüler bekanntgegeben. Laut der staatlichen Agentur Xinhua starben 5 335 Kinder in den Trümmern.

Bislang galt diese Angabe als Staatsgeheimnis. Private Nachforschungen gehen von deutlich mehr getöteten Schülern aus. Der Pekinger Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei hat in den vergangenen Monaten versucht, eine unabhängige Liste der umgekommenen Schüler zu erstellen. "Wir versuchen einfach alle Tatsachen zusammenzutragen, denn wir bekommen noch immer keine Antworten", so Ai zum Handelsblatt.

Der prominente Kritiker geht von mindestens 6 000 Schülern aus, die in den Trümmern ihrer Klassenzimmer gestorben sind. Andere Schätzungen sprechen von 9 000 Opfern. Die offiziellen Angaben seien bedeutungslos, meint Ai Weiwei. Es gehe nicht um Zahlen, sondern darum, dass China noch immer nicht bereit sei, seinem Volk die Wahrheit zu sagen und dass jede unabhängige Untersuchung unterdrückt werde.

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