China
Die demographische Zeitbombe

Wenn Bundespräsident Horst Köhler am heutigen Mittwoch seinen viertätigen Besuch in China antritt, begegnet er einem Land mit vertrauten Problemen. Das Reich der Mitte steht vor einer extremen Überalterung – und seine gesamte Gesellschaft vor einer gewaltigen Umwälzung.

PEKING. Wer einen Spaziergang durch Pekings Wohnanlagen macht, könnte auf den ersten Blick meinen, dies sei eine kinderreiche Stadt: überall große Spielplätze mit leuchtend gelb-blauen Geräten. Auf den zweiten Blick scheinen die Laufräder zu groß für Kinder zu sein, und an die Klettergerüste reichen Grundschüler kaum heran. Stattdessen strampelt sich hier im ehemaligen Fabrikviertel Zuojiazhuang zum Beispiel regelmäßig der 78-jährige Hu Bingqing ab. „Ich hab ja sonst nicht so viel zu tun, und Sport treiben hält einen fit“, sagt der Rentner mit der Sonnenbrille. Neben ihm dehnt sich seine 67-jährige Nachbarin gerade die Wadenmuskeln. Die Anlagen, finanziert aus der Sportlotterie, sind in fester Hand der Generation 60 plus: die Alten in der Überzahl – das wird für China bald nicht nur für die Spielplätze bezeichnend sein.

„Die Überalterung wird eine Transformation der gesamten Gesellschaft nach sich ziehen“, erwartet der Demographie-Professor Gu Baochang von der Renmin-Universität in Peking. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird der Anteil der über Sechzigjährigen im Jahr 2050 bei 31 Prozent liegen. Zum Vergleich: Für Deutschland wird die Zahl auf 35 Prozent geschätzt.

Der entscheidende Unterschied liegt allerdings in der Entwicklung: China wird alt, bevor es reich werden kann, lautet die übereinstimmende Befürchtung von Experten. Dennoch hält das Regime an der seit über 30 Jahren währenden „Ein-Kind-Politik“ fest, um das Bevölkerungswachstum der größten Nation der Erde zu bremsen. Nun allerdings raten einige chinesische Wissenschaftler vorsichtig zur Kehrtwende.

Alarmierend sind für Ökonomen vor allem die Auswirkungen auf die in China ohnehin problembelastete Rentenversicherung sowie der drohende Arbeitskräftemangel. Die Forschungsabteilung der Deutschen Bank spricht von einer „demographischen Zeitbombe“. Die Weltbank sieht das „Fenster der Möglichkeiten“ sich von 2010 an in China schließen.

Nach Berechnungen der Deutschen Bank könnte der Anteil der arbeitenden Bevölkerung in diesen Jahren seinen Höchststand erreicht haben und würde bis 2050 auf 47 Prozent abfallen. Diese Zahlen gehen von einem niedrigen Rentenalter von 50 Jahren für Frauen und 60 Jahren für Männer aus, das in China durchaus üblich ist. Nach Ansicht von Stuart Leckie aus Hongkong, der die chinesische Regierung bei der Reform des Rentensystems berät, bedarf es deswegen einer schnellen Anpassung. „Es wäre wichtig, das Rentenalter schrittweise anzuheben“, fordert er.

Seite 1:

Die demographische Zeitbombe

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%