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24.04.2006 
Interview mit Pan Yue

„China steckt in der Umweltkrise“

von Das Gespräch führte Andreas Hoffbauer.

Der stellvertretende Umweltminister Chinas und grüne Vordenker der Regierung, Pan Yue, im Handelsblatt-Interview über die katastrophale ökologische Situation des Landes, staatliche Maßnahmen und die Notwendigkeit, langfristig auf erneuerbare Energien zu setzen.

Herr Pan, Chinas Wirtschaftsboom hat dem Land neuen Wohlstand gebracht, zugleich aber die Umwelt verdreckt. Wie schlimm ist die Lage?

Seit der wirtschaftlichen Öffnung liegt Chinas Wachstumsrate über neun Prozent. Und wie in anderen Ländern auch bringt der wirtschaftliche Boom Umweltverschmutzung mit sich. China hat viele Maßnahmen ergriffen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Wir haben schon enorme Fortschritte gemacht. Obwohl Wirtschaftswachstum und Lebensstandard weiter steigen, erhöht sich die Umweltverschmutzung nicht mehr im gleichen Maße.


Klicken Sie hier! Fotostrecke: Chinas Umwelt-Sünden

Sie blasen also zur Entwarnung?

Nein, die Umweltsituation in China ist noch immer sehr ernst. 90 Prozent aller Flüsse, die durch Städte fließen, sind sehr verschmutzt. In einem Drittel unserer Städte ist die Luft stark verpestet, ein Drittel des Landes ist durch sauren Regen verseucht. Vor allem Unternehmen, die Schadstoffe ausstoßen, haben veraltete und schlecht gewartete Anlagen. Das erhöht die latente Gefahr von Umweltkatastrophen. Diese passieren immer häufiger und bedrohen die Gesundheit unserer Bürger.

Was passiert, wenn China nicht gegensteuert?

China steckt in der Umweltkrise, wir dürfen uns da nichts vormachen. Wenn China keine Maßnahmen ergreift, wäre das katastrophal. Zum Glück hat die Regierung das erkannt. Wichtig ist nun, dass die politischen Vorgaben auch tatsächlich umgesetzt werden.

Welches Umweltproblem sorgt Sie am meisten?

Die größte Sorge mache ich mir um unser Wasser. Wassermangel und Wasserverschmutzung bedrohen die Wirtschaftsentwicklung, die Stabilität der Gesellschaft und die Gesundheit der Menschen. Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Reserven an Wasser betragen in China 2 200 Kubikmeter, das ist nur ein Viertel des durchschnittlichen Niveaus weltweit. In Chinas Norden und Westen leiden einige Regionen schon unter großer Wasserknappheit.

Was ist mit der Trinkwasserqualität?

Die Verschmutzung ist sehr schlimm. Das Wasser der sieben größten Flüsse ist nur noch zu einem Teil als Trinkwasser nutzbar. Drei Viertel der Seen sind überdüngt, Tiere und Pflanzen können hier nicht mehr leben. Einige Städte haben Trinkwasserprobleme. Und mehr als 300 Millionen Bauern bekommen kein sauberes Wasser. Das Trinken von verschmutztem Wasser erhöht in manchen Gebieten die Häufigkeit der Krebserkrankungen.

Aber China braucht Wachstum. Wie lässt sich dieser Widerspruch lösen?

Das muss kein Widerspruch sein. Eine gute Umwelt ist eine wichtige Voraussetzung für die dauerhafte Wirtschaftsentwicklung. Deswegen muss viel mehr für den Umweltschutz ausgegeben werden. Nach den Berechnungen der Experten kann sich die Umwelt Chinas schon deutlich verbessern, wenn wir mindestens 1,5 Prozent des Bruttosozialprodukts investieren. Umweltschutz ist Gemeinwohl, und nach den Erfahrungen der Industrieländer muss die Regierung die Hauptrolle bei diesen Investitionen spielen. Das allein aber kann die Forderung nach einer umweltgerechten Wirtschaftsentwicklung nicht erfüllen. Es muss zudem eine stärkere Marktorientierung und mehrgleisige Finanzierungsmodelle für Investitionen in den Umweltschutz geben. Nur so können die Probleme gelöst werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Umweltschutz schafft Arbeitsplätze und treibt die Wirtschaft an

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