China und Indien
Lässt sich der asiatische Tiger bändigen?

Die neuen Supermächte China und Indien lassen sich vom Westen nicht mehr drängen oder gar bevormunden. In Davos wird deshalb heiß diskutiert, ob die neuen Hauptdarsteller der Weltwirtschaft bereit sind, nach Krisen auch Regeln zu befolgen.
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DavosWu Zhipan ist ein freundlich lächelnder Rechtsprofessor von der Universität Peking. „Wissen Sie“, sagt er mit leiser Stimme zur versammelten Manager-elite in Davos, „China hat sich in den letzten 30 Jahren sehr stark mit der europäischen Kultur vertraut gemacht. Wir sprechen Englisch, tragen Anzug und Krawatte und vertragen inzwischen auch ein Continental Breakfast. Wir haben europäisches Zivilrecht in chinesisches Recht integriert und dann auch US-Recht. Aber wissen Sie,“ – Wu senkt seine Stimme noch weiter – „jetzt versuchen wir lieber, unser eigenes Recht weiterzuentwickeln.“ China wolle eine Art asiatischen Rechtsrahmen etablieren. „Und wäre es nicht für alle, die sich geschäftlich in China engagieren, ratsam, wenn sie sich auch einmal etwas mehr mit chinesischer Kultur vertraut machen?“, fragt Wu.

Im Saal „Aspen“ des Davoser Weltwirtschaftsforums kann man eine Stecknadel fallen hören. Der Anspruch Chinas, nicht nur von anderen lernen, sondern selbst bestimmen zu wollen, ist wieder einmal unüberhörbar vorgetragen worden. Mit asiatischer Höflichkeit. Freundlich im Ton, aber hart in der Sache.

Ob Industriestandards, Meinungsfreiheit, freie Wechselkurse oder Kapitalverkehr – die neuen Supermächte China und Indien lassen sich vom Westen nicht mehr drängen oder gar bevormunden. Aber sind diese neuen Hauptdarsteller der Weltwirtschaft auch bereit, die gerade im Kreis der G20 entstehenden Regeln der Nach-Krisen-Welt zu befolgen? Diese Frage ist zugleich das Titelthema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums. Über 2000 Top-Manager, Politiker und Wissenschaftler wollen in den Schweizer Bergen darüber sprechen, ob sich der asiatische Tiger bändigen lässt.

Zum neuen Selbstbewusstsein der beiden Supermächte im Wartestand gehört auch die zunehmende Bereitschaft, eigene Defizite offen zu diskutieren. „Die größte ungenutzte Ressource Indiens sind seine 1,2 Milliarden Menschen“, sagt Hari Bhartia, Unternehmer und Vorsitzender des Verbands der indischen Industrie. „Es leben immer noch 800 Millionen Inder in Armut und diese Lücke müssen wir schließen.“ Zwar existiert eine offizielle Schulpflicht für alle. Aber die Abbrecherquoten und die Dunkelziffer der nicht erfassten Kinder sind hoch. Auch mangelhafte Infrastruktur, Kastendenken und Benachteiligung der Frauen werden als Hemmschuh genannt. In China hingegen gilt ein kritischer Blick der Qualität der Ausbildung. Zwar verlassen jedes Jahr 60 Millionen Graduierte die Hochschulen, berichtet Zhang Xin, Chefin des Immobilienentwicklers Soho China. „Aber die Erziehung ist streng und militärisch und nicht jeder Hochschulabsolvent ist ein Garant für Innovationen.“

Die wachsende Angst westlicher Manager vor der asiatischen Konkurrenz hält Norbert Winkeljohann denn auch für übertrieben. Der Deutschland-Chef von Pricewaterhouse Coopers meint: „Unternehmen, die auf Innovationen setzen, brauchen keine Angst vor China und Indien zu haben.“

Offen ist, wer im asiatischen Wettlauf künftig mehr Wachstum hervorbringt: Die indische Demokratie oder die chinesische Planwirtschaft? Die gemeinsame Zauberformel heißt: „harmonisches Wachstum“. Darauf kommt man wohl nur in Asien.


Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter

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