China
Zum Einzelkind gezwungen

Nach mehr als drei Jahrzehnten hat China die drakonische Ein-Kind-Politik abgeschafft. Zwei chinesische Einzelkinder erzählen von ihrer Jugend, ihren Träumen – und einem Leben ohne Geschwister.

PekingDie Nachricht von der Umwandlung der Ein-Kind- in eine Zwei-Kind-Politik ist das Thema in China. Seit der Ankündigung der Parteiführung sendet das Staatsfernsehen Sondersendungen, die junge Eltern aufrufen, ein zweites Kind zu bekommen. Behörden ruderten hingegen zurück, und kündigten an, dass die Regeln erst ab dem kommenden Jahr gelten sollen und sich Eltern noch gedulden müssen.

Es herrscht große Verunsicherung. Wang Pei'an, Vizeminister der Kommission für Gesundheit- und Familienplanung, ging bereits davon aus, dass schon in der Anfangsphase der neuen Regelung mehr als drei Millionen Kinder jedes Jahr zusätzlich geboren werden. Das Handelsblatt hat sich in China umgehört und zwei junge Erwachsene gebeten, über ihr Leben als Einzelkind und die neue Politik zu reflektieren:

Der ungeborene Bruder: Fang Shuchen (29) ist Journalistin in Peking.

Und plötzlich sagte mir meine Mutter: „Du hattest einen Bruder, aber er durfte nie geboren werden.“ Etwa sechs Jahre ist das her. Aber ich erinnere mich an den Tag, als wäre es gestern. 23 Jahre war ich damals alt. „Das Kind war nicht geplant. Wir waren total überrascht. Damals warst du zwölf und gingst noch in die Mittelschule“, erzählte meine Mutter weiter.

Meine Eltern lieben Kinder. Sie hätten sich über mehr Nachwuchs gefreut, über einen Sohn, einen Spielkameraden für mich. Aber dieser Embryo im Bauch meiner Mutter hatte keine Chance ein Baby zu werden.

Die Ein-Kind-Politik schrieb den Menschen in China ihre Familienplanung vor. Ein zweites Kind hätte meine Eltern in große Schwierigkeiten gebracht. Mein Vater hätte seine Arbeit bei einem Staatsbetrieb verloren. In den 1990er-Jahren war der Job bei einem Staatsunternehmen oft mehr als nur eine Stelle. Die Betriebe stellten häufig auch die Wohnungen für die Angestellten und ihre Familien zur Verfügung. Der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutete dann auch möglicherweise den Verlust des Zuhauses. Gleichzeitig machten sich meine Eltern Sorgen, dass sie sich kein zweites Kind leisten könnten.

Und so durfte mein Bruder nie das Licht der Welt erblicken. Die 29 Jahre seit meiner Geburt stand ich alleine im Zentrum meiner Familie. Meine Eltern umsorgten mich. Sie unterstützen mich im Studium, und in meiner Arbeiter als Journalistin in der Hauptstadt Peking.

Meine Eltern sind typisch für die Mittelschicht in den Städten in der Volksrepublik. Viele Mütter und Väter aus den 1950er- und 1960er-Jahrgängen arbeiten für die Regierung oder Staatsbetriebe. Traditionell wünschen sich viele Eltern einen Sohn. Aber dieser Wunsch verliert stark an Bedeutung. Viele Mütter und Väter sind auch mit einer Tochter zufrieden. Sie setzen alles daran, ihrem Kind die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben zu bieten.

„Wenn ich wirklich noch einen Sohn bekommen hätte, hätten wir nicht mehr so viel Zeit und Geld für dich gehabt“, wiederholte meine Mutter mehrfach. „Traditionell hätten wir für einen Sohn mehr Geld ausgeben müssen. Dann wäre nicht mehr so viel für dich und deine Ausbildung übrig geblieben“, argumentierte sie. Die Ein-Kind-Politik habe dazu geführt, in der eigentlich auf männlichen Nachwuchs konzentrierten chinesischen Kultur, auch Mädchen mehr Chancen zu bieten.

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