Handelsblatt-Leserreise nach China
„Ich baue das neue Manhattan“

Willkommen in der Metropole einer neuen Macht: Schanghai. Dort, wo vor einem Vierteljahrhundert Reisfelder waren, stehen heute drei der 15 höchsten Häuser der Welt. Es sieht tatsächlich aus wie in New York, nur bunter.
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Vom 10. bis 18. Mai besuchte eine Wirtschaftsdelegation des Handelsblatts die Metropolen Peking, Schanghai und Hunan. Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs traf gemeinsam mit Lesern Politiker, Manager und Unternehmer. Hier die letzte Kolumne von der Chinareise.

Sie lachten. Damals, als der Staats- und Parteichef Jiang Zemin den Spaten in die Erde rammte, vor 25 Jahren an der Biegung des Flusses Huangpu. „Ich baue das neue Manhattan“, sagte er. Heute, im real existierenden Volkskapitalismus, steht Partyvolk in Weiß gekleidet auf der Dachterrasse der „Bar Rouge“. Schanghai, Boulevard Bund, prächtige Kolonialbauten. Chinesinnen in Lingerie tanzen dort oben an Stangen, die rote Fahne mit gelben Sternen weht über Gin Tonic und Moscow Moule und der Jeunesse dorée. Und da drüben, am anderen Ufer, steht es tatsächlich, das neue Manhattan des Jiang Zemin. Dort, wo vor einem Vierteljahrhundert Reisfelder waren, stehen heute drei der 15 höchsten Hochhäuser der Welt.

Es sieht tatsächlich aus wie in New York, nur bunter. Es ist tatsächlich so wild wie in London, nur erschwinglicher. Willkommen in Schanghai, der Metropole einer neuen Macht, die Freiräume gewährt, solange man die Partei nicht angreift, denn die Partei hat noch immer recht, vor allem die kommunistische. Aber was gelten, andererseits, in diesen Tagen schon die alten Gesetze. Gesetze, die zum Beispiel besagen, dass der Kapitalismus immer siegt über den Kommunismus? Dass der freie Markt triumphiert über die bürokratische Planwirtschaft?

Vergesst also das Lehrbuch. Geht in die „Bar Rouge“ oder in eine der chinesischen Shoppingmalls. Fahrt mit dem Transrapid, der in Schanghai fährt und nicht in München. Die Welt ist nicht mehr mit den Gewissheiten zu erklären, mit denen die meisten aufgewachsen sind. Wie sonst ist zu erklären, was in der Zentrale des Baumaschinen-Riesen Sany in Changsha zu erfahren ist über die Kooperation mit der deutschen Tochter Putzmeister, die 2012 aufgekauft wurde?

Die Sitzungen seien schwierig, erzählt einer, der es wissen muss, weil die Deutschen immer auf dem einmal gemachten Plan bestünden – man aber flexibler sein müsse, je nach Marktlage. Die Kinder Ludwig Erhards verlieren sich in Planwirtschaft, die Kinder von Mao und Marx genießen die Lust am Experiment. Das ist so paradox wie die laszive Tänzerin unter der roten Fahne.

Die Weisheit der Businessberater für globale Geschäfte lautet: „Nicht der Große frisst den Kleinen, sondern der Schnelle den Langsamen.“ Klingt gut, aber was ist, wenn der Große schnell ist? China ist schnell und beklagt sich, dass die Deutschen nicht so schnell sind. China hält „think big“ für keine amerikanische Vokabel mehr. China schafft Nischen in einer Gesellschaft, die Mao-Uniform trug. Heute lacht niemand mehr über Jiang Zemin und sein Manhattan. Und die jungen Superreichen in der „Bar Rouge“ tanzen dazu.

Hans-Jürgen Jakobs Quelle: dpa
Hans-Jürgen Jakobs
Handelsblatt / Senior Editor

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