Chinas Bankexperte Yu Yongding
„Die Deutschen müssen wirklich etwas geben“

China kann Europa in der Krise zur Seite stehen - aber dafür muss vor allem Deutschland mehr Risiken eingehen. Die Politik der Euro-Zone sei zudem schwer verständlich, klagt Pekings Ex-Zentralbanker Yu Yongding.
  • 20

Professor Yu, kann China den Euro retten?

Meiner Meinung nach sollte China tatsächlich versuchen, den europäischen Ländern zu helfen - auch weil das Überleben des Euros und der Wohlstand der EU in Chinas Interesse liegen. Aber wir müssen uns realistisch fragen, was wir in der Praxis überhaupt machen können.

Was denn?

Meiner Meinung nach sollte die EU erst ihr eigenes Haus in Ordnung bringen. Das hat auch Premier Wen Jiabao betont. Die Europäer sollten zuerst ein klares Konzept vorlegen, wie sich die Euro-Zone retten lässt. Sie muss echte politische Entschlossenheit zeigen, die Probleme zu lösen. Um internationale Investoren wie China ins Boot zu holen, wäre ein klarer Plan nötig, welche Handlungsoptionen im Falle bestimmter Szenarien vorgesehen sind. Anhand dessen könnte die EU China zeigen, wie sich gezielt helfen lässt.

Versteht China denn, was Europa will?

Nein, derzeit wirkt die Politik der Euro-Zone intransparent und schwer verständlich. Wir Chinesen haben zwar etwas Geld in der Kasse, aber damit ist es nicht getan. Wir warten darauf, dass ihr in Europa die Initiative ergreift.

Also wird China vorerst nicht in großem Stil bei EFSF-Anleihen zugreifen?

China kauft diese Papiere bereits, aber das wird so nicht reichen. Im vergangenen Jahr, als die Idee des EFSF aufkam, waren 440 Milliarden Euro im Topf, mit denen die Anleihen des Fonds zu 120 Prozent übergarantiert waren. Der EFSF konnte damit Bonds mit einem AAA-Rating ausgeben. Papiere von so guter Qualität kauft China grundsätzlich gerne. Die Frage ist, ob China sich auch an den künftigen Plänen beteiligen sollte.

Und wie denken Sie darüber?

Inzwischen ist die Idee aufgekommen, dass die Mittel des EFSF mit Hebelwirkung angewendet werden sollen. „Leveraging“ klingt leider immer verdächtig nach CDOs und anderen Finanzinstrumenten, die seit der US-Krise in Verruf geraten sind. Damit hat sich der Charakter der EFSF gewandelt. Dazu kommt, dass die Situation mit den jüngsten Entwicklungen in Italien viel, viel schlechter aussieht als damals. Das Grundproblem ist doch: Europa stellt einfach nicht genug Geld bereit. Auch eine Billion wäre nicht genug, und ihr habt bei weitem nicht so viel zugesagt.

Was sollen die Euroländer tun, um China doch noch ins Boot zu holen?

Es springt zunächst ins Auge, dass Deutschland noch viel mehr Geld zur Verfügung stellen könnte. Wenn Deutschland wirklich etwas am Überleben des Euros liegen würde, könnte es selbst italienische Bonds kaufen. Ihr habt genug Geld.

Deutschland soll Italien im Alleingang retten? Wie soll das konkret aussehen?

Realistischerweise müssten die EU-Länder eine Übereinkunft zum gemeinsamen Ankauf der Anleihen finden. Deutschland spielt hier jedoch als wichtiger Financier des Systems eine Schlüsselrolle. Das deutsche Volk wird Risiken tragen müssen und sollte bereit sein, bei Zahlungsausfall darunter zu leiden. Das bedeutet ein politisches Risiko für die Handelnden.

Und das soll die Bundesregierung tragen?

Ich kann die Haltung des deutschen Volkes sehr gut verstehen: Ihr arbeitet hart und ihr seid dadurch reich geworden. Einige andere Länder halten ihren Laden nicht Ordnung und jetzt sollt ihr Deutschen die Zeche bezahlen?! Aber die Wahrheit ist, wenn der Euro intakt bleiben soll, dann müssen die Deutschen wirklich etwas geben. Das ist eine schwere Entscheidung, aber jemand muss sie fällen. Indem man das Problem verschiebt, macht man es nur immer größer. Wenn ihr schon im vergangenen Jahr gehandelt hättet, wäre die Lage nie so schlimm geworden.

Welche Rolle sollte die EZB spielen?

Die EZB könnte noch viel mehr italienische Anleihen aufkaufen. So, wie es die Federal Reserve in den USA mit amerikanischen Schuldtiteln gemacht hat. Das ist zwar keine gute Praxis, aber in einer verzweifelten Lage ist es völlig legitim. Die Deutschen sollten zudem ihre lang gehegte Tradition einer völligen Ablehnung moderater Inflation ändern. Wahrscheinlich ist es aber so, dass es auch nach so einem Programm gar nicht zu hoher Inflation kommt. Doch die Möglichkeit besteht, und die Deutschen müssen lernen, solche Risiken einzugehen, wenn sie zur Euro-Rettung beitragen wollen.

Nun ist es eher unwahrscheinlich, dass die Deutschen plötzlich mehr Toleranz gegenüber Inflation zeigen. Wären stattdessen gemeinsam ausgegebene Euro-Bonds für China attraktiv?

Oh ja, sie wären hochattraktiv, wenn sie sicher sind. Auch EFSF-Bonds sind grundsätzlich attraktiv. Es müssen bloß endlich die Mechanismen des Fonds klar werden.

Seite 1:

„Die Deutschen müssen wirklich etwas geben“

Seite 2:

„Ein Investment in Europa hat Sinn“

Seite 3:

Zur Person

Kommentare zu " Chinas Bankexperte Yu Yongding: „Die Deutschen müssen wirklich etwas geben“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ich denk, der Mann versteht die Situation sehr wohl, als Chinese drueckt er sich nur etwas vorsichtiger aus:

    "derzeit wirkt die Politik der Euro-Zone intransparent und schwer verständlich": Hat er damit etwa unrecht? Unsere Politiker haben keine Ahnung, was sie tun und rennen voellig kopflos umher. Mal sollen die Banken sich freiwillig beteiligen, mal gezwungen werden, mal die Ratingagenturen bestraft werden, aber nicht wirklich, mal soll die EZB unabhaengig sein, mal soll sie Anleihen kaufen. Solange hier jede Woche 'ne neue Sau durch's Dorf getrieben wird, halten sich die Chinesen mit gutem Grund zurueck.

    Oder: "Meiner Meinung nach sollte China tatsächlich versuchen, den europäischen Ländern zu helfen - auch weil das Überleben des Euros und der Wohlstand der EU in Chinas Interesse liegen." Ok, so what? Solvente Kunden liegen nun mal im Interesse eines Lieferanten. Oder erwarten wir von anderen Laendern, dass denen unsere Interessen wichtiger als ihre eigenen sind?

    Oder: "wenn der Euro intakt bleiben soll, dann müssen die Deutschen wirklich etwas geben". Man beachte das Woertchen "Wenn" am Anfang. "Ob" er intakt bleiben soll, ist unsere Entscheidung und, bis auf das "liegt im Interesse Chinas", haelt er sich da offensichtlich raus.

  • Das Problem ist, dass wir ums "geben" nicht drumrum kommen. Die Situation ist doch so: Unsere Versicherungen und Banken haben PIIGS-Anleihen, die vom Wertverfall bedroht sind.
    Was kann passieren?
    1) "Mir gäbe nix!": Dann gehen die PIIGS pleite und wir verlieren einen Teil des in Bonds investierten Geldes. -> Wir zahlen
    2) Wir erlassen denen eine Teil der Schulden. -> Wir zahlen die Differenz.
    3) Wir ueberweisen regelmaessig eine Soli, der es den PIIGS ermoeglicht, weiter mit einer fuer sie voellig ueberbewerteten Waehrung klarzukommen, die damals Neufünfland. -> Wir zahlen.
    4) Wir verlassen den Euro. Der Euro wertet ab, mit ihm auch die von uns gehaltenen Anleihen. -> Wir zahlen, weil wir den Verlust tragen.
    5) Keine Ahnung.
    Hat wer noch 'ne Idee?

  • Die Deutschen müssen gar nichts geben, sie solle den anderen durch den permanenten Leistungsbilanzüberschuss nur weniger wegnehmen.
    Dass Brüssel da noch kein Riegel geschoben hat ist unverständlich und wahrscheinlich darauf zurück zu führen dass die Achsenmächte, Deutschland und Frankreich, das bis heute verhindert haben. Zur Schade der Euro-Zone und letztendlich auch Deutschlands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%