Chinas Protest gegen Treffen mit Dalai Lama
„Schande über Deutschland!“

Nicht nur Chinas Regierung protestiert gegen das Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Dalai Lama in Berlin: Einer der führenden Deutschland-Experten in der Volksrepublik fordert eine kurzfristige Absage - und im ansonsten streng zensierten Internet dürfen Chinesen ihrem Unmut über die Berliner Haltung freien Lauf lassen.

PEKING. „Das Ansehen Deutschlands in China sowie die Beziehungen der beiden Länder werden dadurch schwer beschädigt“, begründet Professor Liu Liqun von der Akademie für Sozialwissenschaften (CASS) in Peking in einem Brief an die Kanzlerin seine Position. „Frau Merkel handelt sehr verantwortungslos.“ Seiner Ansicht nach könnten als Folge deutsch-chinesische Projekte und Veranstaltungen abgesagt werden. „Das halte ich für wahrscheinlich“, sagte Liu dem Handelsblatt.

Auch im chinesischen Internet werden massive Töne gegen Deutschland laut. „Das zeigt, wie korrupt die Deutschen geworden sind“, wettert ein Schreiber. Ein anderer erinnert an die deutsche Kolonie in China zum Anfang des Jahrhunderts: „Deutschland ebnete den Weg für die japanische Invasion, bei der mehr als 60 Millionen Chinesen umkamen.“ Ein weiterer Online-Eintrag lautet schlicht: „Schande über Deutschland!“ Alle Kommentare im Internet unterliegen in China einer strengen politischen Kontrolle.

Die meisten Chinesen fühlten sich durch das Treffen „beleidigt und verletzt“, heißt es auch in dem als E-Mail an Merkel übermittelten Brief von Professor Liu. Einen Monat, nachdem Pekings Führung die Kanzlerin mit offenen Armen empfangen habe, werde die Sache zu einer schweren diplomatischen Belastung. Wenn Merkel das Treffen nicht absage, werde dies „lange Schatten auf zukünftigen Beziehungen der beiden Länder“ werfen.

Das fürchten auch deutsche Manager in Peking. Hinter vorgehaltener Hand sehen sie das Treffen mit dem Dalai Lama als „wenig hilfreich“, da es die Lage der deutschen Wirtschaft in China erschwere. Das chinesische Außenministerium äußerte sich nicht dazu, ob Peking als Reaktion Aufträge oder Veranstaltungen absagen werde.

Am Donnerstag hatte die Regierung in Peking den Besuch des Dalai Lamas in Deutschland erneut verurteilt. Außenamtssprecher Jiang Yu sagte, China wende sich gegen „die Abspaltungsaktivitäten“ des Dalai Lamas. Dieser nutze die Religion, um politische Ziele zu verfolgen. Wer den Dalai Lama empfange, mische sich in die inneren Angelegenheiten Chinas ein.

Peking hatte deswegen bereits den deutschen Botschafter Michael Schäfer einbestellt. Peking betrachtet Tibet als chinesische Provinz und sieht in dem seit 1959 im indischen Exil lebenden geistlichen Oberhaupt der Tibeter einen Separatisten. Immer wieder verlangt Peking, dass die Bundesregierung dem Dalai Lama die Einreise verweigert.

Das Treffen in Berlin als „privaten Gedankenaustausch“ und nicht als politisches Treffen zu bezeichnen, ist nach Ansicht der Chinesen unakzeptal. „Eine Bundeskanzlerin ist immer im Dienst, sie vertritt schließlich ganz Deutschland.“ Das Gespräch mit dem Friedensnobelpreisträger soll am Sonntag rund eine Stunde dauern.

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