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10.07.2008 
Olympische Spiele

Chinas schöner Schein

von Andreas Hoffbauer

Peking will der Welt ein perfektes Spektakel präsentieren. Doch hinter der glänzenden Fassade herrschen Willkür und Unterdrückung. Obdachlose und Bettler werden schon jetzt jeden Tag mit Bussen aus der Stadt gekarrt.

Alles soll schön sein bei den Spielen. Foto: dpaLupe

Alles soll schön sein bei den Spielen. Foto: dpa

PEKING. Fackelläufer unter Polizeischutz, wütende tibetische Demonstranten, chinesische Schlägertrupps in Sportanzügen - eine Zeit lang sah es so aus, als ob die Olympischen Spiele in China für Sponsoren und Veranstalter zum PR-Desaster würden. Doch inzwischen scheint der politische Streit über die chinesische Unterdrückungspolitik in Tibet vergessen. Nach langem Zögern entschied sich gestern auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, an der feierlichen Eröffnung der Spiele am 8. August teilzunehmen.

Zuvor hatten ihr Kommen unter anderem schon US-Präsident George W. Bush und Japans Ministerpräsident Yasuo Fukuda zugesagt. Auch wenn Kanzlerin Angela Merkel nicht nach Peking reist - für die Regierung in Peking, die bei Olympia die Abwesenheit der wichtigsten Staatsmänner fürchtete, ist Sarkozys Zusage ein Prestigegewinn. Zumal Sarkozy nicht nur als französischer Präsident auftreten will, sondern als EU-Ratspräsident die gesamte Europäische Union vertreten will.

Peking hat sich bereits für den hohen Besuch herausgeputzt. In der letzten Woche gaben die Olympia-Organisatoren bekannt, alle 37 olympischen Veranstaltungsorte seien fertiggestellt. Nichts will Peking dem Zufall überlassen. Metereologen sollen mit allen Mitteln - etwa mit Silberjod, das auf die Wolken geschossen wird - verhindern, dass die Eröffnungsfeier von Regenschauern getrübt wird. Botaniker haben Blumen gezüchtet, die selbst im heißen Pekinger August blühen. Und um den Besuchern plätschernde Seen zu präsentieren, werden große Wassermengen aus der trockenen Nachbarprovinz Hebei nach Peking umgeleitet. "Die Menschen hier haben gewaltig von den Vorbereitungen zu den Spielen profitiert", sagt Pekings Vizebürgermeisterin Liu Jingmin.

Doch das große Reinemachen hat auch eine Kehrseite: Bald müssen Millionen Wanderarbeiter Peking verlassen haben. Obdachlose und Bettler werden schon jetzt jeden Tag mit Bussen aus der Stadt gekarrt. Viele traditionelle Hutong-Viertel wurden dem Erdboden gleichgemacht oder mit Mauern umgeben - alles soll schön sein.

Ein Behinderter aus einer der umliegenden Provinzen erzählt, er bekomme keine Fahrkarte mehr nach Peking. An Sonderkontrollstellen wird jedes Auto auf dem Weg in die Hauptstadt 50 Kilometer vor der Stadt kontrolliert. Peking wolle in jedem Fall die perfekten Spiele präsentieren, sagt David Zweig, China-Experte an der Hongkonger Universität für Wissenschaft und Technologie. "Damit zementiert die Kommunistsiche Partei ihren Führungsanspruch."

Und das mit aller Macht. Die Staatssicherheit greift nach alter Manier durch. "Wenn Sie zu den Spielen nach Peking kommen, werden Sie Hochhäuser, weite Straßen, moderne Stadien und begeisterte Menschen sehen", schrieben vor Monaten der bekannte Bürgerrechtler Hu Jia und der Anwalt Teng Biao in einem offenen Brief. Die ausländischen Besucher könnten allerdings nicht sehen, dass alles "auf der Grundlage von Missständen, Tränen, Inhaftierungen, Folter und Blut gebaut" sei. Im April wurde Hu Jia wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Teng Biao hat im Mai seine Anwaltslizenz verloren. In China gebe es bei den Menschenrechten keine Fortschritte, sagt Mark Allison von Amnesty International in Hongkong. Die Lage habe sich eher verschlimmert: "Aktivisten wie Hu Jia sind eingesperrt worden, gerade weil sie einen Zusammenhang zwischen den Spielen und Menschenrechten hergestellt haben."

Damit nur schöne Bilder in alle Welt gelangen, ist auch die Kontrolle der Medien in Peking verstärkt worden. Eine Liveübertragung des ZDF auf der Großen Mauer wurde Anfang Juli von chinesischen Polizisten abgebrochen, weil das ZDF einen US-Archäologen interviewte. Einem Hongkonger Journalisten wurde, obwohl für die Spiele akkreditiert, vor wenigen Tagen die Einreise nach Peking verweigert. "In einer Zeit, in der die Recherchefreiheit für ausländische Journalisten in China eigentlich ihren absoluten Höhepunkt erreichen sollte, stoßen die Korrespondenten auf große Schwierigkeiten", bilanziert die Organisation Human Rights Watch. China habe seine Zusagen für mehr Medienfreiheit und mehr Menschenrechte gebrochen, sagt Hongkongs führender Demokrat Martin Lee. Staatsführer, die die Spiele besuchen, sollten die Führung in Peking daran erinnern, "dass es an der Zeit ist, ihre Versprechen für Recht und Freiheit einzulösen", fordert Lee von Bush und Sarkozy.

China begründet die Maßnahmen mit der Gefahr von Anschlägen. "Sicherheit steht bei den Spielen an erster Stelle", sagte Zhou Yongkang, Mitglied im Ständigen Ausschuss des Politbüros. Ausländische Diplomaten in Peking warnen dagegen vor einer "Sicherheitsparanoia". Die Verschärfung der Einreisebestimmungen hat im Ausland und bei vielen internationalen Unternehmen zu erheblichem Unmut geführt. Eine strenge Meldepflicht und Kontrollen in chinesischen Wohnungen grenzen nach Ansicht eines deutschen Managers schon "fast an Freiheitsberaubung".

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