Chinesen in Italien
Wie Prato gegen das Image der Sklavenstätte kämpft

Sieben Menschen starben vor einem Jahr in einer chinesischen Fabrik in Prato. Damit wurde die italienische Chinesen-Hochburg weltberühmt. Jetzt versucht die kleine toskanische Stadt nach vorne zu schauen.
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PratoIn der Via Fabio Filzi dominieren noch immer die chinesischen Schriftzeichen die ockerfarbenen toskanischen Häuser. Die Banca Popolare di Vicenza hat Mandarin sprechende Mitarbeiter in ihrer Filiale eingestellt und den Namen der Bank ins chinesische übersetzt.

Auch in dem Industriegebiet reiht sich noch immer eine chinesische Kleinfabrik an die nächste. Insgesamt sind es 5000. Von außen ist im Vergleich zum vergangenen Jahr kaum ein Unterschied erkennbar hier in Prato, der kleinen toskanischen Stadt, die nur eine halbe Stunde von Florenz liegt und die durch eine Tragödie weltberühmt wurde.

Ein Jahr ist es her, dass sieben Menschen ihren Tod fanden, als das Unternehmen „Ye-Life Teresa“ in Flammen aufging. Das Gebäude war nicht nur Fabrik. Es war auch Schlafstätte, Waschraum und Kantine. Provisorische Liegen an den Wänden dienten als Betten. Sogar Babys und kleine Kinder sollen in der Halle gewohnt haben.

Auf einmal wurde allen klar, was in Prato jeder wusste: In den chinesischen Fabriken schufteten die Arbeiter Tag und Nacht unter menschenunwürdigen Bedingungen. Meist handelt es sich um illegale Einwanderer aus China, die nicht selten 19 Stunden an den langen Tischen über die Nähmaschinen gebeugt saßen.

„Pronto Moda“ heißt das System, dass es möglich macht, mitten in Europa innerhalb von wenigen Tagen die neusten Modetrends zu kopieren und in Italien und anderen europäischen Ländern auf den Markt zu bringen – zu chinesischen Bedingungen.

Heute will Prato das Image der Sklavenstätte abschütteln. 15.000 Chinesen leben offiziell in Prato. Weitere 8000 bis 12.000 sind wohl illegal hier. Das ist mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. „Wir haben immer noch ein Problem mit der Sicherheit am Arbeitsplatz. Aber wir haben schon viel verändert“, sagt Matteo Biffoni, Bürgermeister und ein Freund des Premiers Matteo Renzi. Der schmale Mann, der fast in seinem Anzug verschwindet und der noch jünger aussieht als seine 40 Jahre, ist seit April im Amt, also vier Monate nach dem Brand.

Der Politiker der Linkspartei PD hat seinen umstrittenen Vorgänger Roberto Cenni von der Forza Italia abgelöst. Der ließ sich zwar gerne bei Blitz-Aktionen gegen die Chinesen fotografieren. Aber tatsächlich gediehen unter ihm die illegalen Fabriken aus Fernost.

Die durchschnittliche Überlebensdauer der Unternehmen lag bei 18 Monaten. Bei drohenden Kontrollen wurden die Fabriken einfach geschlossen und unter neuem Namen wieder aufgemacht. Nur vier Prozent der chinesischen Unternehmen in Prato sind älter als drei Jahre.

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