Christen im Irak
Tod vor der Kirche

Weil die Sitzplätze stets heiß begehrt sind, erscheint Sarah Safar mit ihrem 13-jährigen Enkel Fadi eine Viertelstunde früher zum Gottesdienst.

KIRKUK. Die beiden gehören zu jenen 15 000 Christen unter 500 000 Moslems, die in Kirkuk leben. Neun christliche Kirchen gibt es in der Großstadt im Norden des Iraks. Und die allermeisten von ihnen sind bei den Gottesdiensten voll besetzt – und das, obwohl der Sonntag im Irak ein ganz normaler Werktag ist.

Pünktlich um fünf Uhr läuten dann in der Regel die Glocken der katholischen Kirche „Zur heiligen Maria“, und der Pfarrer beginnt mit der Messe. So sollte es auch am vorvergangenen Sonntag sein.

Vater Safar ist ausnahmsweise zu Hause geblieben, weil er zu arbeiten hat. Während die Großmutter das Gotteshaus betritt, trifft Fadi auf der Straße einen Freund aus seiner Schulklasse.

Die beiden haben sich viel zu erzählen, wollen erst kurz vor Beginn des Gottesdienstes in die Kirche gehen. Sie achten nicht auf den uralten VW Passat, der vor dem Eingang steht. Es gibt diese meist vor mehr als 20 Jahren aus Brasilien importierten Autos zu Hunderttausenden im Irak.

Um genau zehn Minuten vor fünf explodiert der Wagen. Ein Eisenstück schießt wie ein Geschoss in die Brust von Fadi. Auch sein Freund wird von mehreren Metallsplittern des Autos getroffen. Der kniet, selbst stark blutend, neben dem am Boden liegenden Fadi, als dessen Großmutter aus der Kirche kommt. Der Enkel stirbt in ihren Armen, sie betet, sie weint. Erst Tage später bei der Trauerfeier der Familie ist sie in der Lage, über den schrecklichen Anschlag zu berichten.

Es ist nicht das einzige Attentat an diesem blutigen Sonntag im Irak. Fast auf die Minute genau detonieren noch sechs weitere mit Sprengstoff gefüllte Autos vor Kirchen in Kirkuk und Bagdad. Insgesamt sterben acht Menschen, 15 werden zum Teil schwer verletzt. Sie alle wollten christliche Gottesdienste besuchen.

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