Christoph Blocher
Der Franz Josef Strauß der Schweizer

Am Sonntag wird in der Schweiz gewählt. Höchstwahrscheinlich wird die Volkspartei das Rennen machen. Zu verdanken hat sie das ihrem Volkstribun Christoph Blocher. Pfarrerssohn, milliardenschwere Ex-Unternehmer – und ziemlich unscheinbar.

ZÜRICH. Die alte Industriehalle ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Luft ist zum schneiden. Von den mehr als 1 000 Managern, die der Verband der Metallindustriellen an diesem Nachmittag nach Zürich eingeladen hat, lockern einige den Krawattenknoten, hängen ihr Jackett über die Lehne. Von hier hinten ist der Mann, der zum Rednerpult eilt, klein. Eine Videoleinwand bringt sein Gesicht auf Kino-Größe. Eckig, kurze, graue Haare, silberne Brille, breiter Mund. Schmales Lächeln. Eigentlich unscheinbar, dieser Christoph Blocher. Seine 67 Jahre sind ihm anzusehen.

Und doch hat der Pfarrerssohn und milliardenschwere Ex-Unternehmer die Schweiz, in der das Misstrauen gegenüber der Macht Tradition hat, im Griff wie kein Zweiter. Seit er die Politik dominiert, wird im Parlament sowie in der traditionellen Allparteienregierung, die eigentlich zur Harmonie verdammt ist, heftig gestritten. Seine rechte Volkspartei (SVP) schafft es sogar, die sonst so harmonieversessenen Eidgenossen dermaßen aufzuwiegeln, dass bei der Abschlusskundgebung der Partei mehrere Stände von Chaoten kurz und klein gehackt wurden. Wenn dann aber am Wochenende in der Schweiz gewählt wird, müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn die SVP nicht wieder stärkste Kraft würde. Blochers Arme fuchteln, als er zu sprechen beginnt, und sie kennen eigentlich nur eine Geste. Am Anfang rauf, am Ende runter. „Die EU will die direkte Demokratie abschaffen“, ruft er im tiefsten Schweizerdeutsch, und die Arme gehen rauf. „Dann ginge alles viel schneller“, stellt er fest, und die Arme bleiben oben. „Auch die Dummheit“, setzt er nach, und die Arme krachen runter. Kein Zweifel, der Mann ist ein Volkstribun.

Wie der von ihm geschätzte Franz Josef Strauß ist Blocher im Bierzelt genauso zu Hause wie unter Mana-gern: Beim Auftritt vor den Metallarbeitgebern spricht er seine Zuhörer mit „liebe Industrielandsgemeinde“ an. Landsgemeinden nennen die Eidgenossen ihre Volksversammlungen, auf denen die Wahlentscheidungen fallen. Blocher war selbst einmal Unternehmer, bis er vor vier Jahren den Sprung in die Regierung schaffte. Inzwischen leitet seine Tochter die Ems-Chemie. Das börsennotierte Unternehmen hat einen Ableger geboren, der von Blocher junior geführt wird. Die Familie zählt in Wirtschaft und Politik zu den einflussreichsten des Landes.

Holt Blocher bei den Metallmanagern die Unternehmer wieder zurück auf den Schweizer Urgrund, so gibt er im Bierzelt den, der die Welt versteht, ohne die Bodenhaftung verloren zu haben. Bei der Basis im Schützenheim Albisgüetli zum Beispiel, das auf der Seite von Zürich liegt. Hier ist die Musik laut, der Händedruck fest und das Schnitzel groß.

Beat Schulers Augen leuchten, als Blocher unter Beifall die Bühne im Albisgüetli betritt. Schuler arbeitet in der Textilmaschinen-Industrie. „Import, Export“, sagt er. Textilien aus der Schweiz gibt es längst nicht mehr. „Machen die Chinesen“, grummelt Schuler. Aber die Maschinen aus der Schweiz, die laufen noch. Der 48-Jährige mit dem karierten Hemd unter dem Jackett sitzt alltags im Gemeinderat und gilt dort als einer, der „hart politisiert.“ Er amtet auch als Schulpfleger, Noten für die Erstklässler wieder einzuführen ist eines seiner Ziele. Seine Frau nennt ihn manchmal den „kleinen Blocher“, was ihn freut. Wenn die Kinder im Mietshaus ihn nicht grüßen, stellt er sie zur Rede. „Linke und Nette“, nennt er die, die er nicht besonders mag.

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