Chávez will Öllieferungen nach China umleiten
Venezuelas Aufrüstung provoziert Washington

Der venezolanische Präsident Hugo Chávez geht auf einen harten Konfrontationskurs gegenüber den USA. So will der Linkspopulist nicht nur die Öllieferungen seines Landes in die USA nach China umleiten. Er verstärkt zudem die Rüstungskooperation mit Brasilien; in der vergangenen Woche vereinbarte Chávez mit Brasilien die Lieferungen von Kampf- und Aufklärungsflugzeugen sowie den Austausch von Know-how zum Aufbau einer eigenen Flugzeugindustrie.

SAO PAULO. Zuvor hatte Venezuela bereits in Russland umfangreiche Waffenlieferungen geordert – vor allem Sturmgewehre und Helikopter.

Regierung und Geheimdienste der USA beobachten die Politik von Chávez mit Argusaugen. „Sie sehen Venezuela als potenziellen Unruheherd in der Region“, sagt der Lateinamerika-Experte Walter Molano von der nordamerikanischen Investmentbank BCP Sec.. Diesmal müssten die USA auf die Provokation reagieren.

Chávez hatte bereits wiederholt damit gedroht, den USA den Ölhahn abzudrehen – zuletzt Anfang des Monats sehr konkret: Er wolle die acht Raffinerien der Tankstellenkette Citgo in den USA verkaufen, die eine Tochter des venezolanischen Staatskonzerns PdVSA ist. Dadurch würde auch die Lieferung venezolanischen Öls nach Nordamerika reduziert.

Im Gegenzug öffnet Chavez ausgerechnet China, der Nummer zwei unter den weltweiten Ölimporteuren, den Zugang zu Venezuelas Ölreserven. Das Reich der Mitte soll die USA ersetzen und neuer Großkunde werden. Die Staatsölfirma China National Petroleum Corp. unterzeichnete bereits mit dem venezolanischen Staatskonzern PdVSA ein Abkommen zur Erschließung von 14 Öl- und Gasfeldern. Bis zu vier Mrd. Dollar könnte China dafür als Finanzierung bereit stellen, heißt es im Ministerium für Bergbau und Energie in Caracas. Auch die russische Lukoil hat angekündigt, massiv in die Erschließung venezolanischer Ölfelder zu investieren. Zudem wurden mit dem brasilianischen Energiekonzern Petrobrás Joint-Ventures im Wert von rund einer Mrd. Dollar unterzeichnet. Die bestehenden 33 Lizenzen mit ausländischen Konzernen zur Ölprospektion und –förderung dagegen sollen einer Revision unterzogen und danach beurteilt werden, ob sie „im Interesse des venezolanischen Volkes seien“.

Damit zeichnet sich eine Verschärfung des Klimas zwischen Venezuela und den USA, aber auch zwischen Südamerika und der Regierung Bush insgesamt ab. Schon zum Amtsantritt der neuen Regierung in Washington hatten die USA klar gemacht, dass sie die Provokation Chávez nicht mehr, wie bisher, kommentarlos tolerieren werden. Außenministerin Condoleezza Rice bezeichnete Chávez in ihrer Antrittsrede als „negative Kraft in Lateinamerika“ und konnte an seiner Regierung „nichts Positives feststellen“.

Ins Schussfeld zwischen den Kontrahenten gerät damit der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva: Denn für Lula ist der Schulterschluss mit dem Linkspopulisten Chávez ein logischer Schritt auf dem Weg zu einer verstärkten regionalen Integration Südamerikas. „Das ist die oberste außenpolitische Priorität meiner Regierung“, sagte Lula jüngst in Caracas. Wenn zudem noch Aufträge für die eigene wenig ausgelastete Rüstungsindustrie heraus springen, umso besser.

Die USA dagegen sind besorgt über die „Destabilisierung der Hemisphäre“ durch die Rüstungsaufträge Venezuelas, sagt Adam Ereli aus dem US-Außenministerium. Die Chávez-Gegner in den USA befürchten, dass der Linkspopulist damit die Guerilla im Nachbarland Kolumbien ausrüsten könnte, mit der er offen sympathisiert. Auch der Verkauf der Raffinerien in den USA, die rund 15 Prozent der Kapazitäten in Nordamerika bündeln, wäre „eine Katastrophe für die USA“, sagt Molano. Mit den Raffinerien bestehen langfristige Lieferverträge mit Venezuela, die dann neu ausgehandelt werden müssten.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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