Clearstream
Eine Affäre erregt die Grande Nation

In Frankreich steht Dominique de Villepin vor Gericht. Der Ex-Premier soll in einen Skandal verstrickt sein, wie ihn das Land noch nicht erlebt hat. Im Mittelpunkt: Eine alte Affäre um den Börsenabwickler Clearstream. Jetzt begannen die Plädoyers der Verteidigung. Ein Report.
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PARIS. Frankreichs berühmtester Angeklagter ist stets leicht gebräunt und hüllt seinen durchtrainierten Körper in teure Maßanzüge. Gestatten: Dominique de Villepin, Ex-Premierminister Frankreichs. Sein Gegner ist zwar physisch nicht im Pariser Justizpalast präsent, aber dennoch allgegenwärtig: Staatschef Nicolas Sarkozy, Nebenkläger im sogenannten „Clearstream-Prozess“.

Es ist der politische Prozess des Jahres. Es geht um Verleumdung an der Staatsspitze. Die Staatsanwaltschaft fordert Anfang dieser Woche eine Haftstrafe von 18 Monaten auf Bewährung für Villepin: Er soll versucht haben, seinen Rivalen Sarkozy 2004 mit manipulierten Kontenlisten des Börsenabwicklers Clearstream kaltzustellen. Die Listen sollten den Verdacht auslösen, dass Sarkozy Schwarzgeldkonten besitzt. Villepin bestreitet, mit der Manipulation etwas zu tun zu haben. Gestern begannen die Plädoyers der Verteidigung.

Namensgeber der Affäre ist der Börsenabwickler Clearstream, eine Tochter der Deutschen Börse. Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg hat mit der politischen Affäre überhaupt nichts zu tun. Trotzdem spricht ganz Frankreich von der „Clearstream-Affäre“.

Warum eigentlich? Wie konnte Clearstream zum Namensgeber der Affäre werden?

Alles begann vor etwa acht Jahren. Alles begann mit den Worten: „Die Geschichte, die sich hier abspielen wird, kann außergewöhnlich erscheinen. Sie ist es.“

Es sind die ersten Sätze des Buches „Révélation$“ des französischen Journalisten Denis Robert. In dem Buch wirft er Clearstream vor, im großen Stil Kunden bei Geldwäsche zu helfen. Er stützte seine Thesen auf Aussagen von Ernest Backes, der viele Jahre in verschiedenen Funktionen bei Clearstream gearbeitet hatte.

Das Buch schlug ein wie ein Bombe. Die Justiz ermittelte, stellte das Verfahren 2004 aber ein. Bis heute gibt es keinen Beweis dafür, dass Clearstream tatsächlich in irgendeiner Weise in Geldwäsche-Aktivitäten verwickelt war. Dennoch hält sich in Frankreich außerhalb der Finanzszene der Ruf, dass der Börsenabwickler unsauber arbeite. Nur deshalb konnten manipulierte Kontenlisten solch einen politischen Sturm auslösen.

Paris, Gare de l'est. Denis Robert steigt aus dem TGV aus seiner Heimatstadt Metz und isst noch schnell ein Sandwich am Bahnhof, gleich muss er ins Gericht. Denn auch der Buchautor ist beim „Clearstream-Prozess“ mitangeklagt, ihm wird Unterschlagung gestohlener Kundenlisten vorgeworfen. Robert trägt einen Dreitagebart und hat einen dicken Schal um seinen Hals gewickelt. Seit seinem ersten Buch streitet er mit Clearstream vor Gericht wegen Diffamierung.

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