Clemens Fuest Wie Papandreou mit der Volksabstimmung zockt

Es ist ein großes Pokerspiel: Mit dem Referendums-Vorstoß will der griechische Staatschef Bevölkerung und Opposition auf Kurs bringen und außenpolitisch den letzten Trumpf ausspielen. Ein Gastkommentar von Clemens Fuest.
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Clemens Fuest lehrt Wirtschafts- und Finanzwissenschaften in Oxford. Quelle: Pressefoto

Clemens Fuest lehrt Wirtschafts- und Finanzwissenschaften in Oxford.

(Foto: Pressefoto)

Die Nachricht, dass Ministerpräsident Giorgos Papandreou eine Volksabstimmung über das Rettungspaket für Griechenland abhalten will, hat die Finanzmärkte gestern abstürzen lassen, aber wirklich überraschend ist dieses Vorhaben nicht. Mit der Ankündigung eines Referendums verfolgt die griechische Regierung zwei Ziele.

Das erste Ziel ist innenpolitischer Natur. Das Referendum soll die griechische Bevölkerung und die politische Opposition zwingen, sich ernsthaft mit den wirtschaftlichen Realitäten auseinanderzusetzen. Dass dies bislang noch nicht geschehen ist, lässt sich daran erkennen, dass nach Meinungsumfragen zwar mehr als 70 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone sind, aber fast ebenso viele das Rettungsprogramm ablehnen.

Das zweite Ziel besteht darin, die noch laufenden Verhandlungen über die Gestaltung des Griechenland-Programms zu beeinflussen oder, wenn dies nicht gelingt, nach der Ablehnung des Programms durch die griechische Bevölkerung neu zu verhandeln.

Derzeit bietet das Programm dem Land die Aussicht auf ein Jahrzehnt sinkender Löhne, hoher Arbeitslosigkeit und massiver Einschränkungen bei allen öffentlichen Leistungen. Besitzstände einflussreicher Interessengruppen werden angegriffen, bislang privilegierte Beschäftigte des öffentlichen Sektors müssen Einschnitte hinnehmen, und all dies wird verordnet und überwacht von außen, aus der Sicht der griechischen Bevölkerung vor allem von Deutschland. Bis zum Jahr 2020 bietet das Programm die Aussicht, dass die Staatsschuldenquote lediglich auf 120 Prozent sinkt. Das würde bedeuten, dass die Schrumpfkur weitergehen muss.

Griechenland hofft, mit seiner Drohung, das Rettungspaket abzulehnen, bessere Konditionen durchzusetzen. Das bedeutet: einen Verzicht der privaten Gläubiger auf mehr als 50 Prozent der Forderungen, einen Schuldenerlass auch seitens der staatlichen Gläubiger und mehr Hilfen zu besseren Konditionen wie etwa niedrigeren Zinsen.

Was ist zu erwarten, wenn es keine Einigung über ein Rettungsprogramm gibt? In diesem Fall wäre ein Bankrott sowohl des griechischen Staates als auch des Bankensystems unausweichlich. Die Regierung wäre gezwungen, eine eigene Währung einzuführen, um wirtschaftliches Chaos zu verhindern. Die Einführung der neuen Währung würde allerdings ebenfalls tiefe Eingriffe erfordern und könnte kaum umgesetzt werden, ohne dass es zu einem Infarkt der Wirtschaft kommt.

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Bei einem Bankrott des privaten Sektors wäre Griechenland isoliert
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32 Kommentare zu "Clemens Fuest: Wie Papandreou mit der Volksabstimmung zockt"

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  • Wieder die Tabletten vergessen?

  • Da gibt es auch nichts Neues einzustreuen. Das ist Bescshreibung der Faktenlage und das, was daraus werden könnte. Das ist legitim und verschafft zumindest mir wieder Überblick. Das reicht mir fürs Erste.
    Viele brauchen hier offensichtlich immer "das eine Patentrezept." Dies Rezept gibt es nicht, es ist nun mal viel Experiment dabei. Ein mögliches Experiment ist hier im HB im Handelsblog nachzulesen ("Rettet die Banken...").

  • Clemens Fuest hat eigentlich nur Interessen, Bewegründe und mögliche Szenarien beschrieben, die daraus folgen können, wenn wir uns auf der Zeitschiene bewegen. Das ist in der jetzigen Situaton, wie sie sich darstellt, legitim. Volksabstimmungen können so oder so ausgehen. Wird von Seiten Griechenland Druck ausgeübt,um zu einem aus seiner Sicht besseren Verhandlungsergebnis zu kommen, erfolgt Gegendruck mit allen sich daraus ergebenden Risiken, bis hin zum Austritt der gesamten Südzone aus dem Euro oder umgekehrt der Nord-Zone und Gründung eines neuen Kern-Euro. Erfolgt eine Zustimmung zum "Rettungsplan" wird weitergewurstelt und etwas Zeit gewonnen, wenn auch nicht viel. Was wäre wünschenswert und böte Perspektiven für alle Beteiligten? Das ist die 1 Millionen Dollar Frage. Oder soll man besser sagen 1Billionen Euro Frage?

  • Werter amigohome, ich unterschätze die Marketingfähigkeiten der entsprechenden Fachleute ebenso wenig, wie ich die selbstverschuldete Unmündigkeit unterschätze. Sie haben leider keine der Fragen, die sich schon bei erster Annäherung an die These von der "Ami-Verschwörung" stellen, auch nur gestreift. Selbst in Ihrer Denkweise könnte sich mindestens die Frage aufdrängen, weshalb die Fair-Value Bilanzierung denn von "uns" als "Heilsbringer" übernommen wurde.
    Wir haben den €uro, weil unsere Politiker aus Macht- und Geltungswahn ein Vehikel zur weiteren "Vertiefung" der Europäischen Integration schaffen wollten! Ein Vehikel ohne Ausstieg, ohne Bremse... Auch bei der €uro-Einführung, wurde schon geraunt: Das passiert alles nur weil die Amis es wollen. Wenn man unbedingt die Augen vor der Verantwortung der eigenen PolitikerInnen für die Situation verschließen will: Bitte, das gelingt schon, irgend eine weltbeherrschende höhere Macht findet sich allemal. Warum übrigens nicht z.B. die Chinesen - die haben Druck auf die Rating-Agenturen aufgebaut (mit der Drohung, die Agenturen sonst aufzukaufen und alle Mitarbeiter auf eine "Stinke-Tofu" Diät zu setzen) und außerdem haben sie Obama in der Hand, weil sie geheimes Wissen über dessen Herkunft besitzen. So ähnlich gehen die Verschwörungstheorien in den USA. Nein, es hilft alles nichts: Wir müssen andere Politiker an die Macht bekommen, das aktuelle Personal ist Ursache, nicht Lösung der Krise! Mehr Demokratie, wie jetzt in Griechenland, kann uns dabei nur helfen!

  • sounds good , but the problem with many teenagers/kids today is that they clever analyze the "reward" system and trick it out , for that they get the money without efforts

  • Der Markt hat Angst vor der Demokratie.Ich bin einfach sprachlos.Ich hoffe inständig das die ganzen Zocker ihr Vermögen verlieren werden.Von mir aus kann der Euro ruhig baden gehen und mit ihm die ganzen angeblich Sytemrelevanten Banken.Ich wünche den Griechen viel Spass beim Wählen.Hut ab vor ihrem Regierungchef.

  • Oder noch eine Alternative: Einfach mal alles den Frauen überlassen. Vielleicht regelt sich dann alles.

  • Papandreu handelt weise. Die Leidtragenden des Sparpakets wären wiederum die ärmeren 99% der Bevölkerung. Bei einer Annahme durch das Volk dürfte danach nicht gejammert werden, die voraussichtliche Not wäre von einer politischen Mehrheit in Kauf genommen.
    Bei allen möglichen Konsequenzen einer Ablehnung durch das Stimmvolk auf den Euro und das Finanzsystem insgesamt - die Demokratie ist höher zu gewichten als die Finanzspekulation.

    Wir Schweizer machen nur gute Erfahrungen mit unserer direkten Demokratie und dem Fernbleiben von einer EU-Mitgliedschaft. Warum verschaffen uns die EU-Länder keinen Anreiz und machen einen ökologischen Umbau der gesamteuropäischen Wirtschaft? Hiesse dies weniger Armut und weniger Abzocke in den EU/Euro-Ländern?

    Es gibt alternative Wirtschaftsmodelle, welche dieses Finanzsystem von Grund auf überflüssig machen. Wir Schweizer beginnen jetzt regional mit einer Grünen Wirtschaft und werden nie einer unökologischen, asozialen EU/Eurozone, wie dies jetzt leider der Fall ist, beitreten. Das hilft auch den vielen gebeutelten Griechinnen und Griechen.

    Die Indianertaktik der Grünen:
    http://www.ignoranz.ch/forum/9_4251_3.html

    Warum wir nicht locker lassen:
    http://www.ignoranz.ch/forum/9_4372_0.html

    Occupy Planet Earth forever!

  • Dinkouts I fully agree with your comments.
    This is a very insightful view which should be adopted in order to show a real willing to get Greece out of this mess....

  • During the entire time of the Greek - Eurozone Debt Crisis, there has always been a critical and central issue, which has never been adequately mentioned, discussed or considered within the euro countries, especially not in the media of the 17 euro nations. This article, which is otherwise right on, is guilty of the same problem. There is not just one way, to force a profligate nation, like Greece, to correct its dysfunctional ways. Starving a society to death is not the only way. This is just punishment by hitting someone. For example, in family life, child education has long discredited corporal punishment as the best or only way of teaching a child the "right way". Instead, it is widely believed and applied today, that you can be more successful in the education of children, or profligate nations, for that matter, if you reward good behavior, and you withdraw reward for bad behavior. I believe that the parallel way of helping Greece eliminate its corrupt and dysfunctional public sector, would be to offer the nation substantive monetary and technical help to reinvigorate its economy, as opposed of trying to get Greece to do the necessary restructuring under the penalty of penury, and other economic hardships, whose only result is for the student to hate the teacher, meaning Germany. This is the huge political, ethical and economic mistake that the Eurozone leadership is guilty of, and which is fated to destroy the Euro, sooner than later.

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