Commerzbank-Chefvolkswirt
„Wir sind zum Euro verdammt“

Die Eurokrise ist für Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, noch längst nicht überwunden. Die Vorstellung einer schnellen Umschuldung (Haircut) hält er für naiv, einen Ausstieg Deutschlands oder der Schuldenstaaten für kaum möglich.
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Handelsblatt: Herr Krämer, seit Mai dieses Jahres bekämpften Politiker die Eurokrise – bislang weitgehend erfolglos. Vor allem US-Ökonomen sagen den Untergang der Gemeinschaftswährung voraus. Ist der Euro noch zu retten?

Jörg Krämer: Er wird gerettet werden. Zwar mag ich den Begriff der Schicksalsgemeinschaft nicht, aber ich muss gestehen, dass da was dran ist. Wir sind gewissermaßen verdammt zum Euro, weil alle Alternativen kaum beherrschbare Risiken bergen. Die Kosten einer Auflösung der Währungsunion wären sehr hoch.

Wie könnte eine Lösung des Problems aussehen? Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker sieht im Euro-Bond den Weg aus der Krise. Ist das realistisch?

Erstmal haben die EU-Regierungschefs einen Rettungsfonds für die Zeit nach 2013 beschlossen. Das ist die erste Verteidigungslinie.

Die Märkte hat das wenig beeindruckt. Die Risikoaufschläge befinden sich immer noch auf für die Schuldenländer unerträglichem Niveau. Was wäre die zweite Verteidigungslinie?

Wenn Spanien unter den Rettungsschirm zu geraten drohte, käme vermutlich eine gemeinsame Anleihe. Allerdings bedeutet schon der im Mai beschlossene Rettungsfonds einen Schritt in die Transferunion. Mit einer gemeinsamen Anleihe wären wir sogar in einer Art Haftungsunion.

Aber die Krise ließe sich mit dem Euro-Bond überwinden?

Bonitätsstarke Länder wie Deutschland würden zumindest teilweise für die Schulden der bonitätsschwachen Länder haften. Staaten wie Deutschland böten schwachen Ländern Unterschlupf, die Schuldenkrise wäre sofort eingedämmt. Aber die Kosten einer solchen Lösung wären hoch – vor allem für Deutschland.

Gibt es da Schätzungen, die Bundesregierung rechnet mit 17 Milliarden Euro jährlich?

Welchen Zins Deutschland für Mittel aus einer gemeinsamen Anleihe zu zahlen hätte, lässt sich erst berechnen, wenn man weiß, in welchem Umfang bonitätsstarke Länder wie Deutschland Haftungsrisiken übernehmen. Vorstellbar wäre auch, dass bonitätsschwache Länder einen höheren Zins zahlten und damit die bonitätsstarken Länder zumindest teilweise für die Übernahme von Risiken entschädigen.

Viele Ökonomen empfehlen kurzfristige und noch radikalere Lösung. Etwa eine sofortige Umstrukturierung der Schulden Griechenlands. Ist das sinnvoll?

Das wäre rechtlich ein Default, also ein Zahlungsausfall. So etwas kennt man nur aus Schwellenländern. Aber eine Staatspleite in einer der reichten Regionen der Welt? Dann wären Pensionsfonds oder Versicherungen gezwungen, die Staatsanleihen eines solchen Landes zu verkaufen. Das wäre ein Tabubruch, ein Reputationsschaden immensen Ausmaßes.

Was wären die konkreten Folgen?

Der Kapitalmarkt wäre für dieses Land für Jahre geschlossen. Sofort würden sich die Anleger fragen, welches Land als nächstes das Tabu bricht. Auch die übrigen Schuldenstaaten hätten sofort Finanzierungsprobleme.

Sie halten also die Vorstellung eines sofortigen Haircuts für naiv?

Ja, denn die Krise könnte sich dadurch dramatisch verschärfen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, schwache Länder sollten die Währungsunion verlassen. Manche Ökonomen fordern sogar, Deutschland solle sich zurückziehen?

Beides wäre mit extrem hohen Risiken verbunden. Nehmen wir an, Griechenland träte aus - man braucht kein Ökonom zu sein, um die Folgen zu sehen: Die Bürger dort würden sofort ihre Bankguthaben in Euro-Banknoten auszahlen lassen, um der erwarteten Abwertung der Drachme zu entgehen. Kein Bankensystem der Welt könnte einem solchen Ansturm standhalten. Und umgekehrt: Würde Deutschland aussteigen, dann würden Spanier und Griechen sofort Konten in Deutschland aufmachen - und damit eine Kapitalflucht aus den ohnehin schwachen Ländern auslösen.

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  • Ein Reset des Systems – sprich Enteignung der Verlierer des Systems aus Deutschland - liegt aus Sicht der Profiteure nahe. Man möchte den Südstaaten wieder Spielgeld für den Erwerb der billigen Lohndumping-Produkte aus Deutschland geben. Dieses System – erst mit Einführung des Euros in einem Europa der zwei Geschwindigkeiten möglich geworden – degradiert die Deutschen zu einem Volk von Leibeigenen.

    blase ii steht, liest man die Presse, aus "Mangel an Alternativen" zur Sozialisierung an. Diese Message der neoliberalen Presse sickert langsam in die Köpfe der geduldigen Deutschen ein. 90% der Deutschen, die nicht von diesem System profitieren, wird trotz rasant schwindender Kaufkraft kommuniziert, sie seien Gewinner dieser Politik. Doch die Gewinner sind andere: Wo in Vor-Eurozeit zweistellige inflationsraten herrschten, stiegen in den letzten 10 Jahren die Reallöhne um rund 45% , Rente ab 57 bei über 80% Eigentumsquote auf den heizkostenfreien Ägaisinseln ist usus. Die Korruption und bilanzfälschung blüht.

    Wie recht die spanische Zeitung "El Pais" hatte, als sie im Zuge des europäischen Rettungschirmes Ende Mai 2010 genüsslich einen gewissen Professor Cabos zitierte: ''Wenn wir die Schulden nicht machen, laufen wir Gefahr, dass uns unsere Nachbarn um Hilfe bitten''.

    Wie ist das dem deutschen Steuerzahler, zu vermitteln, welcher – nach 21 Jahren "blühender Landschaften im Osten" nun bereits im 11. Jahr in Folge unter Realohnverlusten, Kahlschlag des Sozial- und Rentensystems stöhnt? Welchen Anteil hat die sogenannte "Elite" an dem von ihnen verursachten Finanz- und Eurocrash – beides ist ineinander verwebt – übernommen?

    Das Handelsblatt titelt in seinem neuem Leitartikel am heutigen Mittwoch: "Neuer boni-Regen für investment-banker".

    Das sagt schon alles. Na, dann mal auf zum Auftakt der 3. blase. Das Volk, wenn es seine Wahlgewohnheiten und Aberglauben an die deutsche Presse nicht ablegt, enteignet sich im rasanten Tempo.

    ...ohne Worte...

  • immer mehr banker sehen den Haircut als "alternativlos", fordern einen Schuldenerlass, der alleine im Falle Griechenlands rund 10.000 Euro pro Kopf(!), d.h. rund 40.000 Euro pro vierköpfiger Familie bedeuten würde, um einmal eine Größenordnung vorzuhalten.

    Die Einschätzung verwundert kaum, nimmt hier doch die kleine Minderheit des banken-, Unternehmer- u. Spekulantentums Stellung zur hochprofitablen Euroblase. Jahrelang hat man – auch per Subventionen aus brüssel und mit dem deutschen Steuerzahler im Rücken wissentlich Projekte angeschoben, welche diese Länder nicht mal ansatzweise in der Lage waren zu stemmen.

    Gleichzeit fuhr man die Staaten der südlichen Eurostaaten durch eine rigorose angebotsorientierte Politik in Deutschland – böse Zungen nennen es "Ausbeutungspolitik", vor die Wand. Eine hochprofitable Geschichte. Die Folge: Riesige Gewinne wurden durch die kleine Minderheit der Profiteuere – dem Unternehmer-, banken und Spekulantentum – in die Finanzcasinos geschoben, Hr. Ackermann versprach 25% Rendite aus 1% Wirtschaftswachstum – alleine diese Aussage lässt ahnen, wie hoch der Grad der Ausbeutung und Umverteilung liegt.

    Die Maßlosigkeit dieses Systems endete im Finanzcrash. Die Verluste wurden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.

  • "wie Herrn Volkswirt Krämer, wäre der Weltuntergang nicht mehr weit. Das sind Schreibtischtäter ohne Hirn und Phantasie, akademische Administrations-Automaten. "
    Hier irrt der Autor!
    Diese "Herren" (von einem Herren trennen sie Welten - ein Herr ist u. v. a. m. anständig und ehrenhaft.) verfolgen nur mit brutaler Rücksichtlosigkeit ihre Ziele - zudem gibt es noch Herren (s. v.), die etwas weiter oben sitzen und bestimmte Entwicklungen befördern oder verhindern ... nichts geschieht aus Dummheit oder Ahnungslosigkeit!

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