Cyrus Vance
Der Zweifler und sein schwerer Schlag

Er brachte Dominique Strauss-Kahn vor den Richter. Nun droht Ankläger Cyrus Vance das Verfahren zu entgleiten. Ob die Karriere des Bezirksanwalts von Manhattan den schweren Schlag wegstecken kann?
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Wie ein Jäger wirkt er wirklich nicht, eher wie ein nervöser Professor. So als suche er Halt, stützt er sich auf das Rednerpult, holt tief Luft, nestelt an seiner Hornbrille und starrt auf das Plakat, das seine Mitarbeiter eigens aufgestellt haben. Es zeigt ein in Angst erstarrtes Kindergesicht, der Mund ist halb geöffnet. Ein stummer Schrei. „Zeigen Sie uns diese Verbrechen an!“ steht da in großen Buchstaben.

Dann ergreift Cyrus Vance, 57 Jahre alt, Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, endlich das Wort und verkündet der New Yorker Presse großen Fahndungserfolg: Seine Behörde hat einen Pädophilenring zerschlagen. 26 Tatverdächtige wurden verhaftet, das Spektrum reicht vom Anwalt mit Harvard-Diplom über den Klavierlehrer bis zum Lastwagenfahrer. Sie haben sich über das Internet Fotos beschafft von Kindern, die sexuell missbraucht werden. Das jüngste Opfer ist ein Baby. „Wir werden dafür sorgen, dass die Verantwortlichen die Strafe bekommen, die sie verdienen“ steht unten auf dem Plakat. „Gezeichnet: Cyrus Vance.“

Das war im Juni – zwei Wochen bevor die Welt und auch die Karriere des Cyrus Vance Junior einen schweren Schlag erlitten. Im Mai hatte er Dominique Strauss-Kahn, den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds, wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung angeklagt, hatte einen der mächtigsten weißen Männer der internationalen Politik wegen des Angriffs auf ein schwarzes Zimmermädchen in Handschellen legen lassen. Justitia ist blind, sie nimmt keine Rücksicht auf Hautfarbe, Macht und Reichtum von Tätern und Opfern – dramatischer hätte kein Staatsanwalt diesen Grundsatz inszenieren können.

Dann kam der Rückschlag: Das vermeintliche oder tatsächliche Opfer, eine 32-jährige Frau aus Guinea, hatte sich in Widersprüche verstrickt, hatte Kontakt zu einem inhaftierten Drogenhändler. Inzwischen bezweifeln viele, dass sie in den Augen einer Jury noch als glaubwürdig gelten würde. Womöglich wird Vance die Anklage bei der nächsten Anhörung fallen lassen. Egal, wie er entscheidet: Er steckt zwischen den Fronten eines Medienkrieges.

Auf der einen Seite Strauss-Kahns Verteidiger, die ihren Mandanten als Opfer einer Frau sehen, die mit einer Falschaussage aus einem Sexabenteuer Geld schlagen möchte. Auf der anderen Seite die Unterstützer des Zimmermädchens Nafissatou Diallo, die eine typische Rufmordkampagne gegen Vergewaltigungsopfer wittern. Diallo ist nun selbst an die Öffentlichkeit getreten und hat in einem Zeitungs- und in einem Fernsehinterview auf ihrer Darstellung des Tatgeschehens beharrt.

Als Beschützer der schwächsten Opfer eines Verbrechens, so ist Vance 2009 im Wahlkampf um das Amt des Bezirksstaatsanwalts von New York angetreten. Solche Posten werden in Amerika in der Regel alle vier Jahre vom Volk per Wahl besetzt. Wer in New York als district attorney erfolgreich ist, hat gute Chancen auf eine größere politische Karriere als Gouverneur oder Senator. Unter Vance arbeiten 500 Staatsanwälte mit einem Budget von 75 Millionen Dollar an etwa 110.000 Fällen im Jahr.

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