Dalai Lama fürchtet weiteres Blutvergießen
China ruft „Volkskrieg“ gegen Tibet aus

Die Ankündigung Chinas, weiter mit „Härte“ gegen die Proteste in Tibet vorzugehen, sorgt weltweit für Beunruhigung. Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele in diesem Sommer werden lauter, die USA raten China zu Zurückhaltung. Und auch der Dalai Lama greift nun zu drastischen Worten.

HB DHARMSALA/LONDON. Bei den Protesten gegen die chinesische Herrschaft in Tibet sind nach Angaben der tibetischen Exilregierung mindestens 80 Menschen getötet. Ein Sprecher Dalai Lamas - des religiösen Führers der Tibeter - sagte am Sonntag im indischen Dharmsala, der Exilregierung lägen aus verschiedenen Quellen bestätigte Informationen über Tote und Verletzte vor.

Seit Ausbruch der Unruhen seien in Lhasa mindestens 80 Leichen gezählt worden, sagte ein Sprecher des Dalai Lamas, Thubten Samphel. Mindestens 72 seien verletzt worden. Ein weiterer Mitarbeiter des Friedensnobelpreisträgers, Tenzin Takhla, sagte, allein am Samstag seien 26 Menschen in der Nähe des Drapchi-Gefängnisses in Lhasa getötet worden, drei weitere Leichen seien bei einer Moschee und mindestens zwei Menschen nahe dem Ramoche-Tempel getötet worden. Fünf Mädchen sei ein im zentralen Wohnviertel von Tibetern in Lhasa getötet worden.

„Diese Berichte kommen von Verwandten, von unseren Leuten im Land und Kontakten unserer Sicherheitsabteilung“, sagte Takhla. „Sie sind alle mehrfach bestätigt worden.“ Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua sprach indes unverändert von zehn Toten.

Einwohner Lhasas berichteten am Sonntag, Sicherheitskräfte zeigten auf den Straßen der tibetischen Hauptstadt Präsenz und kontrollierten die Häuser der einheimischen Bevölkerung. Ein im Ausland lebender Tibeter sagte, ein Augenzeuge in Lhasa habe in einem einzigen Leichenschauhaus 67 Tote gesehen. Dabei handle es sich um Opfer der Zusammenstöße oder des anschließenden Vorgehens der Sicherheitskräfte. „Er hat sie mit seinen eigenen Augen gesehen“, sagte der Auslands-Tibeter. Eine Geschäftsfrau sagte am Telefon: „Wir wagen uns unter keinen Umständen aus dem Haus. Es ist zu unruhig.“

„Kultureller Völkermord“

Der religiöse Führer der Tibeter, der Dalai Lama, fürchtet noch mehr Blutvergießen in seiner Heimat. Er warf China „kulturellen Völkermord“ vor, in seiner tibetischen Heimat einen „kulturellen Völkermord“ zu begehen. China verlasse sich auf Gewalt, um Frieden zu erreichen, sagte er.

Dennoch erklärte er in einem Interview des britischen Senders BBC seine Unterstützung für die Olympischen Spiele in Peking in diesem Sommer. Sie seien immer noch eine Gelegenheit für China, Unterstützung für die Freiheit der Menschen zu demonstrieren, sagte der Dalai Lama nach BBC-Angaben vom Sonntag in seinem Exilort in Indien.

Allerdings habe er „große Sorge“, dass die blutigen Auseinandersetzungen in der tibetischen Hauptstadt Lhasa wieder aufflammen, sagte der Dalai Lama. Wenn die Regierung in Peking ihre Politik gegenüber dem von ihr kontrollierten Tibet nicht ändere, fürchte er, dass dort noch mehr Menschen umkommen.

Nach den blutigen Protesten in der tibetischen Hauptstadt Lhasa steht die chinesische Führung weiter international in der Kritik. US-Außenministerin Condoleezza Rice rief China zu Zurückhaltung im Umgang mit Demonstranten auf. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) forderte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle in Tibet.

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