Dank „Flexicurity“: Skandinavien kommt gestärkt aus Krise

Dank „Flexicurity“
Skandinavien kommt gestärkt aus Krise

Deutschlands wirtschaftliche Erholung stößt im Ausland auf Bewunderung. Doch ein Blick auf Skandinavien relativiert diesen Erfolg. Die Nordeuropäer rechnen mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu fünf Prozent. Für enige Experten hat das skandinavische Sozialstaatmodell den Rezessionstest bravourös bestanden.
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BERLIN. Deutschlands Erholung stößt im Ausland auf Bewunderung. Auch Ökonomen aus Skandinavien erkennen diesen Achtungserfolg gerne an - bevor sie ihn ganz gelassen relativieren: "Deutschland nimmt eine sehr beeindruckende Entwicklung. Das weckt auch unser Interesse. Aber wir in Skandinavien werden mit drei bis vier Prozent Wirtschaftswachstum in Finnland und fünf Prozent in Schweden deutlicher und schneller zulegen als Deutschland", sagt Sixten Korkman. Der Direktor des Forschungsinstituts für die finnische Wirtschaft (ETLA) trat am Montag auf einem Forum zum "Nordischen Modell" auf, das die Nordischen Botschaften in Berlin veranstalteten.

Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger stieß in das gleiche Horn: Deutschlands Wachstum von zwei bis drei Prozent sei schön und gut, auf der Basis eines Einbruchs von fünf Prozent im Krisenjahr 2009 aber nicht so schwierig gewesen. Zudem sei "Deutschland nicht die Lokomotive für andere Länder. Vielmehr werden wir gezogen von den keynesianischen Ausgabenprogrammen anderer Staaten", sagt Bofinger.

Dagegen hat für den Wirtschaftsprofessor aus Würzburg die Vorbildfunktion des Nordischen Sozialstaatsmodells in der Krise nicht gelitten: "Das Nordische Modell läuft sehr gut, aber man braucht sehr viel Geld dafür", sagte Bofinger. Er sprach sich dafür aus, auch in der Bundesrepublik mehr Geld in Bildung und Forschung zu stecken, anstatt die Etats auch dieser Schlüssel-Ressorts zu kürzen. Da der Staat in den skandinavischen Ländern einerseits sehr hohe Einkommensteuern einfordere, zugleich aber viel für seine Bürger biete, "ist das skandinavische All-inclusive-Modell am Ende kaum teurer als das US-Modell", wo alle Zusatzaufgaben privat nebenher finanziert werden müssten, argumentiert der Ökonom. Daher wäre es für Bofinger "ein Treppenwitz der Geschichte, wenn am Ende noch weniger Staat stünde, wo der Markt in den letzten Jahren bewiesen hat, dass er allein es nicht kann".

Auch für den dänischen Ökonomen Torben Andersen von der Universität Aarhus hat sich das "Flexicurity" genannte System "in der mit hoher Arbeitslosigkeit versehenen Krise bewährt". Allerdings brauche man für die intensive Vermittlungs- und Qualifizierungsarbeit für Arbeitslose "sehr viel Geld". Das "Flexicurity"-System erlaubt einerseits das flexible Einstellen und Entlassen von Arbeitnehmern. Gleichzeitig setzt es auf die soziale Förderung von Arbeitslosen und arbeitet intensiv daran, eine neue Beschäftigung zu vermitteln. Vor dem Krisenjahr 2009 habe dies "beinahe zu Vollbeschäftigung geführt".

Für Stein Kuhnle von der norwegischen Universität in Bergen hat das Nordische Modell nicht nur zu mehr Konsens in der Gesellschaft und stärkerer Einkommensgleichheit geführt. In der Krise habe es zudem bewiesen, dass es als "Puffer" funktioniere, zu geringeren langfristigen sozialen Kosten führe und "zu einem schnelleren und milderen Wirtschaftsaufschwung" nach der Rezession führe. Ausnahme sei unter den skandinavischen Ländern nur Island, räumt Thorvaldur Gylfason, Wirtschaftprofessor aus Reykjavik, ein. Aber die Ausnahme bestätige die Regel: "Island hatte sich viel zu weit vom Nordischen Modell entfernt."

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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  • [1] barbara, ich halte nichts von Sozial-Modellen aus anderen Ländern. Die Leute sind wie das Wetter. bei uns ist man wetterwendisch. bei schlechtem Wetter wird am fehlenden Kindergarten rumgemeckert und nach drei Tagen Sonnenschein ist alles vergessen.
    Wer läuft denn mit einer Ritterrüstung durch die Sahara?

  • Das "Nordische Modell" zeigt uns ganz deutlich, was in unserem Lande falsch läuft. Hier macht sich die "Politelite" Gedanken, wie sie den bürger noch mehr durch Steuern und Abgaben schröpfen kann. Das ökonomische Spielergebnis ist ganz einfach: hat der bürger immer weniger in der Tasch, kann er immer weniger konsumieren!

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