Das Geschäft mit dem Ablasshandel
Frohe Botschaft, volle Kassen

Brasilianer und Katholik zu sein, das war seit Jahrzehnten eins. Doch inzwischen haben evangelikale Sekten zwischen Amazonas und Rio Grande einen enormen Zulauf. Sie Mit dem Geld der Gläubigen haben sie sich ein Reich aus Immobilien und Medien aufgebaut.

SALVADOR. Maria José de Jesus Miranda ist eine dieser brasilianischen Frauen, über die man sich wundert, dass sie so herzlich sein können. Man erwartet eine verbitterte Frau angesichts der vielen Schicksalsschläge, die sie in ihren 57 Lebensjahren erlebt hat. Von ihren sieben Kindern leben noch drei. Zwei Söhne starben kurz nach der Geburt. Zwei Söhne wurden vor ein paar Jahren erschossen.

Ihre zwei Töchter und zwei Enkel wohnen mit ihr in einer Zweizimmerhütte. Eine der beiden Töchter verkauft Lotterielose, die andere arbeitet als Putzfrau. Maria lebt von den Mangos, Limonen und Guaven in ihrem Hinterhof: Sie macht daraus Saft, den sie in Plastiktütchen gefroren als Lutscheis an Kinder in der Nachbarschaft für umgerechnet jeweils 20 Cent verkauft.

Die Gegend, in der Maria lebt, ist ein raues Pflaster: „Bairro da Paz“, „Viertel des Friedens“, heißt die Ecke. Der Name dürfte wie Hohn klingen in den Ohren der Menschen. „Bairro de Paz“ ist eines der gefährlichsten Viertel in Salvador da Bahia im Osten Brasiliens. Drogengangs und Kriminelle haben hier in den engen Gassen das Sagen.

Woher nimmt also Maria José de Jesus Miranda die Kraft, trotzdem noch so herzlich und lebensfroh zu sein? „Weil ich mit Gott reden kann“, sagt Maria und lächelt nachsichtig über so viel Unwissen des Fragenden, „zweimal die Woche.“ Sonntags und dienstags macht sie sich dazu mit dem Bus auf zum Tempel der „Igreja Universal do Reino de Deus“, einer der größten Evangelisten-Gemeinden Brasiliens.

Aus den USA kamen die Missionare der sektenähnlichen Evangelikalen in den 70er-Jahren nach Brasilien und brachten ihre einfachen Botschaften mit: „Gott liebt dich. Glaube, bete, und das Glück wird mit dir sein, hier und sofort.“

Heute haben sie vor allem unter Brasiliens Armen zahlreiche Anhänger. Denn die erreicht der schwache Staat in dieser tief gespaltenen Gesellschaft nicht. In den Favelas und auf dem Land schaffen die Evangelikalen und andere Freikirchen Inseln der Ordnung, Disziplin, Solidarität, Verlässlichkeit –wo sonst korrupte Politiker, Drogenchefs oder andere Kriminelle mit ihren Schlägerbanden das Sagen haben. Diese lassen die organisierten Gläubigen in Ruhe.

„Die Evangelikalen ersetzen den Staat“, sagt Marcelo Neri, Sozialforscher von der renommierten Universität Fundação Getúlio Vargas, „sie bieten soziale Dienste an, ermöglichen den sozialen Aufstieg und erheben sogar eine Art Steuer.“ Ein Zehntel ihres Einkommens müssen die Gemeindemitglieder abgeben.

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