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11.03.2008 
Schadenfreude über Eliot Spitzers Sexskandal

Das große Grinsen der Wall Street

von Torsten Riecke

Eigentlich ist die Stimmung an der Börse momentan alles andere gut. Eine Nachricht sorgte heute jedoch für freudiges Gelächter in den Handelsräumen: Eliot Spitzer ist in einen Sexskandal verwickelt. Denn der ehemalige, als "gnadenlos" titulierte Generalstaatsanwalt von New York hat an der Finanzmeile ohnehin nur wenig Freunde.

Der Ex-Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer gerät nun selbst ins Visier der Fahnder. Foto: ReutersLupe

Der Ex-Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer gerät nun selbst ins Visier der Fahnder. Foto: Reuters

NEW YORK. Kurz vor 15 Uhr geht ein Raunen über das Parkett der New Yorker Börse. Ungläubig starren die Händler auf die Fernsehschirme. Dort läuft nicht etwa eine neue Hiobsbotschaft aus der Subprime-Krise. Vielmehr flimmern erste Eilmeldungen über die Monitore, dass der New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer in einen Sexskandal verwickelt sein soll. Ein großes Grinsen legt sich über die Wall Street. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass die Finanzprofis in dieser düsteren Krisenzeit wieder etwas zu Lachen haben. Unverhohlene Schadenfreude macht sich breit. "Es gibt doch noch einen Gott", ruft ein Händler.

Eliot Spitzer hat an der New Yorker Finanzmeile wenig Freunde. Gnadenlos hat er als Generalstaatsanwalt die Größen des Geldes zur Strecke gebracht. Börsenchef Dick Grasso wurde von Spitzer angeklagt, weil er sich selbst eine exzessive Pension genehmigte. Der frühere Chef des Versicherungskonzerns AIG, Hank Greenberg, musste gehen, weil Spitzer ihm Bilanzmanipulationen unterstellte. Sandy Weil verlor als Citigroup-Chef seine Reputation, nachdem Spitzer die großen Wall-Street-Banken wegen geschönter Aktienempfehlungen an den Pranger gestellt hatte. Staranalysten wie Jack Grubman und Henry Blodget wurden in die Wüste geschickt, weil Spitzer ihnen mit Hilfe von kompromittierenden Emails auf die Schliche gekommen war.


Bildergalerie Bildergalerie: Die Opfer des Eliot Spitzer


Das US-Magazin "Time" machte den aggressiven Staatsanwalt zum "Kreuzritter des Jahres". Sein Ruhm als "Sheriff der Wall Street" katapultierte den 48-jährigen Absolventen der Eliteuniversitäten Princeton und Harvard 2006 auf den Gouverneurs-Posten im Bundesstaat New York. Er galt als kommender Star in der Demokratischen Partei, viele sahen in ihm bereits den Präsidentschaftskandidaten der Zukunft. Von diesem Karrieregipfel ist es ein tiefer Fall zum "Kunden 9" des Prostituiertenrings "Emperors Club VIP".

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dubiose Zahlungen

Zum Verhängnis wurden Spitzer offenbar dubiose Bareinzahlungen auf Konten von Scheinfirmen. Das erregte die Aufmerksamkeit der Steuerfahnder, die wiederum die Anti-Korruptionseinheit der Bundespolizei FBI informierten. Der Hintergrund: Um die Diskretion zu wahren, bot der Call-Girl-Ring seinen betuchten Kunden an, die Zahlungen für Sex-Dienste auf die Konten von Scheinfirmen wie "QAT Consulting" vorzunehmen. Spitzer war jedoch vorsichtig genug, keine elektronischen Überweisungen zu tätigen, sondern schickte den Liebessalär lieber per Kurier.

Dennoch kamen die Ermittler ihm auf die Schliche als er Mitte Februar telefonisch eine Prostituierte von New York nach Washington bestellte. Das Gespräch wurde vom FBI abgehört, sein Inhalt findet sich jetzt in den Ermittlungsakten. Demnach traf sich Spitzer mit dem Model "Kristen" im Raum 871 in der Nobelherberge Mayflower in Washington. Die Personenbeschreibung des "Emperors Club VIP" ließ keine Verwechslung zu: die "zierliche" Dame sei brünett, etwa 1,70 Meter groß, 47 Kilogramm schwer und "hübsch", ließ der Call-Girl-Ring den Gouverneur wissen. Der bedankte sich mit dem Wort "wundervoll".

Seinen zweistündigen Seitensprung am Vorabend des Valentinstages ließ sich Spitzer 4 300 Dollar kosten. Außerdem zahlte er "Kristen" noch die Reisepesen für den Liebestrip nach Washington. Am nächsten Morgen schlüpfte der Gouverneur zurück in die Rolle des aggressiven Politikers und forderte bei einer Anhörung vor dem Kongress die krisengeschüttelten Anlei-heversicherer ultimativ auf, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen.

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Dass Spitzer die Prostituierte über die Staatsgrenze New Yorks nach Washington beorderte, könnte für ihn noch ein rechtliches Nachspiel haben. Der so genannte "Mann Act", ein Gesetz von 1910, verbietet den Transport von Frauen zum Zwecke der Prostitution über Staats- oder Landesgrenzen hinweg. Die Betreiber des "Emperors Club VIP" sind deswegen bereits angeklagt worden. Allerdings ist es äußerst selten, dass auch die Kunden eines Call-Girl-Rings vor den Kadi gezogen werden. Zumal "Kristen" den Liebestrip nach Washington vermutlich nicht gegen ihren Willen unternommen hat. Nach dem Besuch des Gouverneurs ließ sie ihre Vermittlungsagentur wissen, dass Spitzer kein "schwieriger Kunde" gewesen sei. Als Generalstaatsanwalt hat der allerdings Prostitution unnachgiebig verfolgt und vor vier Jahren 16 Beteiligte hinter Gitter gebracht.

Noch hat sich Spitzer nicht konkret zu den Vorwürfen geäußert. Auch ist er bislang nicht von seinem Gouverneurs-Posten zurückgetreten. Seine kurze öffentliche Entschuldigung, lässt jedoch keinen Zweifel, dass der Gerechtigkeitsfanatiker jene strengen Maßstäbe nicht erfüllen konnte, die er immer wieder von anderen eingefordert hat. "Ich habe gegen meine eigenen Maßstäbe von Recht und Unrecht verstoßen", gibt der sichtlich niedergeschlagene Mann mit dem langen Gesicht und der hohen Stirn zu. Neben ihm steht seine erschütterte Frau Silda. Eine unendliche Traurigkeit spricht aus ihren verweinten Augen. Verschwunden ist der Glanz, mit dem sie und ihre drei Töchter vor zwölf Monaten Spitzer bei seiner Vereidigung zum Gouverneur in Albany anhimmelten. Auch er selbst kann seine Lage kaum fassen. Oft hat er hier vor den Mikrofonen der Presse gestanden und mit leuchtenden Augen zur Jagd auf die Übeltäter der Wall Street geblasen. Aus dem Jäger ist ein Gejagter geworden. Seine Augen sind heute nach innen gewandt.

Spitzers Opfer können ihre Häme unterdessen kaum verbergen. "Ich könnte nicht glücklicher sein", sagt der Investmentbanker Ken Langone. Er habe immer gewusst, dass es Spitzer an Charakter und Integrität mangele. Langone wurde von Spitzer angeklagt, weil er als Aufsichtsrat dem früheren Börsenchef Grasso eine Pension von 100 Mill. Dollar abgesegnet hatte. Besonders übel wird dem ehemaligen Staatsanwalt genommen, dass er bei seinen Kreuzzügen für die Gerechtigkeit auch vor persönlichen Attacken nicht zurückgeschreckt ist. "Er war gna-denlos und selbstherrlich", sagt ein Banker. Es gibt jedoch auch andere Stimmen. "Die Wall Street jubelt, aber Spitzer hat ein Beispiel für eine bessere Finanzaufsicht gesetzt", sagt Nell Minow, Expertin für eines bessere Unternehmensführung bei der Denkfabrik Corporate Library.

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