Das Krisen-Wochenende
Wie Griechenland sich ins Aus katapultierte

Noch am Freitag waren die Europäer hoffnungsvoll. Doch nach der Ankündigung des Referendums dreht die Lage komplett. Protokoll der Krise.
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Brüssel, BerlinDer Anfang vom Ende Athens in der Euro-Zone ist eingeläutet. Wie konnte es so weit kommen? Eine Rekonstruktion:

Freitag, 10:50 Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande treffen kurz vor dem EU-Gipfel Griechenlands Premier Alexis Tsipras. Sie bieten ihm Erleichterungen beim Schuldendienst an, sobald Athen die Rentenreform beschließt. Tsipras sagt kein Wort über seine Referendumspläne.

Freitag, 16:00 Die Verhandlungen der Institutionen IWF, EZB und EU-Kommission mit griechischen Beamten kommen voran. „Ein Deal ist machbar, wir haben mehr als fünfzig Prozent der Streitpunkte abgehakt“, berichtet ein Teilnehmer.

Freitag, 23:00 Finanzminister Wolfgang Schäuble verfolgt im Fernsehen das Spiel der deutschen Fußballfrauen gegen Frankreich. Da kommt die Nachricht aus Athen, die alles verändert: Tsipras verkündete in Athen, am 5. Juli eine Volksabstimmung abzuhalten. „Die deutsche Mannschaft hatte das Ausgleichstor noch nicht geschossen, als ich zum ersten Mal gehört habe, was in Griechenland los ist“, sagt Schäuble später. Merkel und Hollande wurden von Tsipras nur kurz vorher per Telefon unterrichtet. Zeitgleich zieht Griechenland seine Unterhändler aus Brüssel ab.

Samstag, 9:00 Spitzenbeamte der Euro-Finanzminister kommen in Brüssel zusammen. Die Vertreter der griechischen Regierung beantragen eine Verlängerung des Hilfsprogramms um einen Monat, um Zeit für das Referendum zu gewinnen. Sie stoßen auf Widerstand. Finnland und die Niederlande lehnen ab. Die dafür notwendige Zustimmung der Parlamente in Den Haag und Helsinki sei nicht zu erreichen. Damit ist klar: Die Euro-Gruppe wird der Verlängerung nicht zustimmen.

Samstag, 13:30 Die Finanzminister der Euro-Zone treffen im EU-Ratsgebäude ein. Der Finne Alexander Stubb macht deutlich, man bereite sich nun auf die Pleite Athens vor: „Plan B wird nun zu Plan A.“ „Es gibt keine Grundlage mehr für weitere Verhandlungen“, sagt Schäuble.

Samstag, 14:00 Die Sitzung beginnt. Finanzminister der kleineren Euro-Staaten ergreifen das Wort und sprechen sich gegen eine Programmverlängerung aus.

Samstag, gegen 15:00 Griechenlands Kassenwart Yanis Varoufakis sagt, er und Tspiras lehnten das Programm ab. Das Volk solle sie zwingen, das Angebot der Geldgeber anzunehmen. Schäuble nimmt es mit Humor: Er und sein französischer Kollege Michel Sapin könnten ihr Volk ja auch fragen, ob sie weitere Hilfen für Hellas noch wollten, sagt Schäuble.

Samstag, 17:30 Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem verkündet, dass das Rettungsprogramm für Griechenland Dienstagnacht ausläuft.

Samstag, 17:47 Die 18 Euro-Finanzminister beraten ohne Varoufakis, wie man die Währungsunion auf das sich abzeichnende Chaos vorbereiten will. EZB-Präsident Mario Draghi versucht, die gedrückte Stimmung mit einem Scherz zu heben: Jetzt, da Varoufakis nicht mehr dabei sei, könne man die Institutionen doch wieder Troika nennen, sagt er.

Sonntag, 01:00 Griechenlands Premier Alexis Tsipras ruft die Menschen seines Landes auf, mit einem „großen Nein“ gegen die Forderungen der Gläubiger zu stimmen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

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