Das Land steckt in einer Schuldenfalle
Saudis sind mit ihrer Regierung unzufrieden

Als Land mit den größten Ölvorkommen der Erde ist Saudi-Arabien eigentlich steinreich. Doch seit Jahren wird es von ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bedrängt, die den Reichtum schneller als geplant schmelzen lassen könnten.

BERLIN. So muss sich das Herrscherhaus der Sauds in Riad einer wachsenden Binnenverschuldung erwehren, die das Budget – von wenigen Ausnahmejahren abgesehen – regelmäßig unter Druck setzt. Gleichzeitig müssen die Ansprüche Tausender Prinzen und von rund einer Million Bürokraten befriedigt werden. Zudem sieht sich das Land mit einer demographischen Entwicklung konfrontiert, die es zu hohen Ausgaben im Bildungs- und Sozialbereich zwingt.

Begonnen hatte die Binnenverschuldung mit einem Sündenfall in den 80er-Jahren, als die Regierung erstmals zum Mittel der Anleihe griff, um das Budgetdefizit zu finanzieren. Doch was eigentlich eine Ausnahme bleiben sollte, wurde zur Regel. Inzwischen liegt die Binnenverschuldung bei über 175 Mrd. Euro, deren Bedienung kräftig den Haushalt belastet. Anhaltend hohe Einnahmen aus dem Ölexport sind schon deshalb eine Voraussetzung für einen ausgeglichenen Etat.

Experten wie Ali Bu-Hulaiga, Präsident der Beratungsfirma Joatha in Riad und Mitglied im Konsultativrat beim König, warnt bereits seit Jahren vor diesem Trend. „Wir müssen all diese Schulden irgendwann zurückzahlen“, sagt der Ökonom. Doch die Warnungen blieben bislang ohne Konsequenzen.

Noch schwerer aber könnten die Belastungen durch die starke Verjüngung der Bevölkerung wirken. 60 % der Menschen in Saudi-Arabien sind jünger als 25 Jahre – und ihr Anteil wächst. Schon 2030 könnte sich die Bevölkerungszahl von heute 24 Millionen verdoppelt haben. Doch diesem Anstieg stehen keine entsprechenden Schulangebote gegenüber, zu wenige Ausbildungsplätze, zu wenig Wohnraum. Zwar wurde das Problem erkannt, doch bis erste Maßnahmen etwa im Hochschulbereich greifen, werden noch viele Jahre vergehen. Also wird versucht, über eine zwangsweise Erhöhung des saudischen Anteils unter den Beschäftigten mehr Jobangebote zu schaffen. Doch die über acht Millionen Ausländer im Land – vorwiegend Bangladescher, Pakistaner, Inder und Philippiner – sind weder im Servicebereich, noch in der Produktion einfach zu ersetzen.

Doch genau an diesem Punkt, der Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung, entzündet sich der politische Sprengstoff. So kamen in der Vergangenheit zahlreiche Terroristen aus dem Umfeld der armen Wohngebiete der Hauptstadt Riad. Denn in der Glitzermetropole ist beides, Arm und Reich, zu besichtigen. Und immer neue Gerüchte und Spekulationen über die großzügigen Apanagen, welche die bis zu 5 000 Prinzen der Herrscherfamilie aus dem Staatsschatz beziehen, fördern diese Haltung. Auch hierfür gilt, dass die Freigiebigkeit zwar als Problem erkannt wurde, Konsequenzen bislang aber ausgeblieben sind.

Die Grundschwierigkeit des saudischen Staates ist, dass das einstige Beduinenland in seiner jetzigen Form nur überleben kann, solange genügend Geld zum Verteilen vorhanden ist. Die Anschläge auf die Lebensader, die Ölproduktion und ihre Beschäftigten, wird zwar nicht kurzfristig diese Balance stören. Doch langfristig können sich Gewichte verschieben. Schleichend haben sich in den letzten Jahren bereits einige Hauptquartiere von Investoren nach Dubai oder Kuwait verabschiedet, um von dort ihre Geschäfte zu betreiben. Das hat dabei weniger mit dem Terror zu tun, als mit den familienfeindlichen Lebensumständen für westliche Ausländer vor Ort. Und seit der Zollunion der Mitgliedsländer des Golfkooperationsrats (GCC) am 1. Januar 2003 ist auch noch ein weiteres Hindernis für einen Umzug in einen toleranten Golfstaat gefallen. „Das Land“, sagt Bu-Hulaiga, „hat nur dann eine Chance, wenn es sich reformiert.“

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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