International
Das Nachbeben

Nur der Lärm der Bagger ist in L'Aquila zu hören. Kein einziges Haus ist dort mehr bewohnbar. Der Ministerpräsident verspricht Hilfe, und 150 km entfernt werden ungute Erinnerungen wach. In Umbrien bebte vor zwölf Jahren die Erde, die Bewohner leben noch immer in Baracken.

GIOVE/L'AQUILA. "Dieses Restaurant bleibt über die Osterfeiertage geöffnet." Ein Zettel an der Tür einer Trattoria in der Nähe des Domplatzes. Nur ein paar Tage alt und doch stammt er aus einer anderen Zeit.

Es ist still in L'Aquila, der Hauptstadt der Abruzzen, der Hauptstadt des Chaos. Kaum jemand auf den Straßen, keiner spricht. Selbst da, wo Bagger Häuserreste abtragen, klingen alle Geräusche seltsam gedämpft. Kaum ein Gebäude, das nicht zerstört wäre. Zentnerschwere Gesimsteile sind zu Boden gestürzt, Wände zusammengebrochen, abgerissene Dachrinnen schwanken über den Gassen, umgestürzte Straßenlampen versperren Straßenzüge wirkungsvoller als die Flatterbänder der Polizei.

Das Zentrum ist gesperrt. Einsturzgefahr. Ein paar Polizisten streifen einsam durch Gassen, aus denen alles Leben gewichen ist, auch ihnen ist nicht wohl. "Haben Sie gerade den Erdstoß gespürt?" fragt einer. Wieder eines der heftigen Nachbeben, die die Gegend mehrmals am Tag erschüttern.

Der einzige Mensch, der sein Geschäft noch öffnet, ist der Apotheker am Domplatz. Sein Laden ist voller Schotter, all die Shampoos, Parfüms, die Babynahrung und Hühneraugenpflaster sind aus den Regalen gefallen. Signore aber wird gebraucht, er verkauft Verbände und Medikamente, als wäre alles wie vor diesem Montag.

37 Sekunden, die alles verändert haben, auf Jahre hinaus. Seit der Nacht auf Montag haben in Mittelitalien 17000 Menschen ihr Zuhause verloren und mindestens 260 ihr Leben. Wie viele es am Ende sein werden, wenn die Helfer alles versucht haben und trotzdem letzte Hoffnungen enttäuscht sind, doch noch Angehörige lebend aus den Trümmern zu bergen, die einmal eine Stadt waren, weiß niemand. Nur das: Das Beben dauerte bloß 37 Sekunden. Die Behörden müssen die Zahlen der Todesopfer ständig korrigieren.

"Mama, schau, Mama: Da gibt's Hörnchen mit Nutella!" Am Sportplatz von L'Aquila haben der Gewitterregen und die vielen Tausend Füße den Rasen in Morast verwandelt. Giulio steht in der Schlange vor der Feldküche des Zivilschutzes. Vor ein paar Tagen ist er fünf Jahre alt geworden. Auch er hat kein Haus mehr. Guilios Tag ist gerettet. Hörnchen mit Nutella! Seine Mama aber richtet sich darauf ein, dass sie hierbleiben müssen. Für Wochen? Monate? Jahre? Es gibt solche Fälle in ihrem Land. Wie den von Mariella und ihrer Familie in Umbrien, von dem später die Rede sein wird. Aber daran will Giulios Mama nicht denken. Im Moment hilft man ihnen, so gut es geht.

Am Montag, am Tag des großen Bebens, hat der Zivilschutz den Sportplatz mit blauen Zelten gesäumt. In diesem Notcamp, einem von gut 20, sind nach und nach so viele Freiwilligenverbände angerückt, dass fast mehr Uniformen als Bedürftige zu sehen sind. 2 000 Schlafplätze gibt es anfangs, natürlich zu wenige für Zehntausende Evakuierte; doch es kommen in der ganzen Provinz schnell weitere zigtausend Betten dazu. Und viele Menschen schlafen ohnehin lieber im Auto. Wie Giulio, Mama, die kettenrauchende Oma und die zwei Hunde. "Im Auto ist es wärmer", sagen sie, "in den Zelten gibt's keine Heizung." Nachts fallen die Temperaturen teilweise auf Werte um den Gefrierpunkt, in den Zelten auf vier bis sechs Grad. Und die Kälte ist nicht der einzige Grund. Für die, deren beschädigte Häuser wenigstens noch stehen, ist es wegen der vielen Nachbeben zu gefährlich, zurückzukehren. Im Auto, am besten irgendwo in der Nähe des Hauses, kann man aufpassen. In den vergangenen Tagen gab es immer wieder Meldungen, dass Plünderer unterwegs seien. Bewohner schleichen deshalb in ihre Häuser, um wenigstens ein kleines Reiseköfferchen zu packen.

Am Morgen stehen sie alle am Sportplatz an, um Frühstück zu bekommen. Tee gibt's, warme Milch, Gebäck, Obst und Zeitungen gratis, aber keinen Strom. Handyakkus müssten geladen werden. "Wir können nicht einmal mehr zwischen den Familienmitgliedern telefonieren", klagt eine ältere Frau. Auf der Stirn trägt sie ein dickes, weißes Pflaster, ihr Kinn ist ein einziger blauer Fleck. Als sie verstand, warum der Boden wankte, versuchte sie, so schnell wie möglich aus dem Haus zu kommen. Fünf Stockwerke. Sie nahm so viele Stufen wie möglich auf einmal und stürzte. "Aber", sagt sie, "wir leben. Wir leben. Verstehen Sie?"

Seite 1:

Das Nachbeben

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%