Das „Reich der Mitte“
China zelebriert sein Wir-Gefühl

Noch immer sehen viele Chinesen ihr Land als den Mittelpunkt des Universums. Der ausgeprägte Nationalstolz entspringt einem Weltbild, das sie von klein auf eingepaukt bekommen haben. Das nationale Erwachen der Volksrepublik hat viel mit aufgestauten Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Westen zu tun.

PEKING. Die kleine Richtigstellung musste einfach sein. Als ein BBC-Moderator bei einer Diskussionsrunde in Schanghai die Öffnung Chinas zum Westen erwähnte, fuhr ein chinesischer Professor auf dem Podium dazwischen. Nicht die Volksrepublik habe sich dem Westen geöffnet, „die Welt kommt nach China“, sagte der Gelehrte und rückte das Weltbild, das gerade zu kippen drohte, schnell wieder gerade.

Noch immer sehen viele Chinesen ihr Land als den Mittelpunkt des Universums. Der ausgeprägte Nationalstolz entspricht einem Weltbild, das sie von Kindesbeinen an eingepaukt bekommen haben: mit Uniform, Fahnenappell und militärischem Drill. Nicht selten gehören in China zur Erziehung Weltkarten, auf denen im Zentrum das große Reich prangt, der Rest der Welt ist drumherum drapiert. „Zhong guo“, das Reich der Mitte.

So ähnlich muss auch die Seekarte von Zheng He ausgesehen haben. Der chinesische Admiral umsegelte vor 600 Jahren mit 300 Segelschiffen Afrika, Indien und den Nahen Osten. Doch die Seefahrernation China überlebte nicht, und so gingen auch Zheng Hes Reisen im Trubel der Geschichte unter. Bis ein britischer Forscher 2002 behauptete, der Chinese habe Amerika entdeckt – 87 Jahre vor Christoph Kolumbus. Das passte der neuen Weltmacht ins Konzept. Dem Admiral wurde ein Denkmal gesetzt und ein Museum in Nanjing gebaut. Endlich gelinge es der Führung in Peking, die von Ideologien desillusionierte Nation auf ein neues Ideal der Größe, Stärke und Einheit einzuschwören, schrieb das Politik-Magazin „Liaowang“.

„China war früher ein mächtiges Land und hatte großartige Erfolge“, sagt Professor Yang Kuisong von der Shanghai Normal University. Dann habe das Land „Schande und Aggression“ erleben müssen, werde seit den wirtschaftlichen Reformen nun aber wieder stark. Diese Kontraste hätten stets einen starken Nationalismus in China gefördert.

Das nationale Erwachen im Reich der Mitte hat darum viel mit aufgestauten Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem Westen zu tun – und der nie verloren gegangenen Überzeugung, eigentlich die überlegene Zivilisation zu sein. „Zheng Hes sieben Weltreisen glorifizieren Chinas Seefahrtgeschichte“, jubelte die amtliche Tageszeitung „China Daily“.

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