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15.07.2008 
Serie: Standorte der Zukunft

Das Tor nach Europa liegt in Tanger

von Ruth Reichstein

Innerhalb nur eines Jahres stampft Marokko an der Straße von Gibraltar einen modernen Hafen aus dem Boden. Nicht nur die niedrigen Löhne locken die Investoren - der Staat gewährt gleich ein ganzes Paket an Vergünstigungen.

TANGER. Ruhig rollt der Geländewagen über die Autobahn. Die Teerdecke ist tief schwarz, der weiße Mittelstreifen glänzt in der Sonne - kein einziges Schlagloch, kein störendes Steinchen. Die Autobahn ist nagelneu und führt von der nordmarokkanischen Stadt Tanger zum gerade mal ein Jahr alten, 35 Kilometer entfernten Hafen Tanger Med. Die Straße ist ein Symbol für den Aufschwung der Region.

"Vor einem Jahr war das hier nur eine große Staubwolke", sagt Corinna Romke vom Bremer Containerterminal-Unternehmen Eurogate. Der Konzern gehört zu den ersten Investoren im Hafen. Gerade ist ihr Container-Terminal fertig geworden - für 140 Millionen Euro. Von hier sollen ab 2 009 jährlich über eine Millionen Container verschifft werden. Insgesamt erwarten die Hafenbetreiber sieben bis acht Millionen Container pro Jahr. Denn die Straße von Gibraltar liegt strategisch günstig auf der Verbindung von Fernost nach Europa und an die Ostküste der USA.

"Tanger ist für uns ein idealer Investitionsstandort. Wir sind nur 14 Kilometer von Europa entfernt und haben nordafrikanische Lohnkosten", sagt Domenico Bagalà, der die marokkanische Filiale von Eurogate leitet. Ein leitender Ingenieur etwa verdient in Marokko gerade einmal 1000 Euro, ein durchschnittlicher Arbeiter bekommt 300 bis 400 Euro im Monat. Das ist verlockend - für viele ausländische Unternehmen.

Sie entdecken den Norden Marokkos als neuen Investitionsstandort vor den Toren Europas. Das Geschäft läuft so gut, dass die marokkanische Regierung bereits den Ausbau des noch nagelneuen Hafens veranlasst hat. Eigentlich hätte der erst in 15 Jahren beginnen sollen, aber der Ansturm ausländischer Firmen ist zu groß. Jetzt soll die zweite Ausbauphase bereits Ende dieses Jahres fertig gestellt werden.

Der Autokonzern Renault-Nissan baut gerade eine riesige Fabrik auf einem Gelände von 300 Hektar mitten im Hafengebiet. Hier sollen jährlich über 400 000 Fahrzeuge vom Band laufen - bestimmt für Nordafrika und Europa. Über eine Milliarde Euro hat sich das Unternehmen den Standort kosten lassen.

Vor ein paar Jahren war ein solcher Boom völlig unvorstellbar. Marokko konzentrierte damals alle Wirtschaftsprojekte auf die Region rund um die Business-Metropole Casablanca. "Der Norden Marokkos war ein totes Dreieck. Es gab keine Straßen, keine Bahnverbindungen - nur kahle Berge mit Schafsherden. Es war eine der ärmsten Regionen in unserem Land", sagt Youssef Bencheqroun von der Hafenbetreibergesellschaft TMSA, die in staatlicher Hand liegt. Aber der noch junge König Mohammed VI., hat es vor fünf Jahren zu seinem persönlichen Projekt erklärt, die Region weiter zu entwickeln, in der er jedes Jahr seinen Sommerurlaub verbringt.

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