Davos
"Gezeichnet von Kleinkriegen und Pestilenz"

Ein Historiker sieht Zustände wie im Mittelalter, ein Manager will Griechenland zum Rentnerparadies machen und Ökonomen warnen vor dem Abstieg - wie Davos über die Euro-Krise diskutiert.

DavosHistoriker haben einen unschätzbaren Vorteil. Sie können frei von politischen Zwängen einfach die Perspektive wechseln. Niall Ferguson, Harvard-Professor und einer der Größten seines Faches, nahm seine Zuhörer in Davos an die Hand mit auf eine Zeitreise und fragte: „Wo hätte das Weltwirtschaftsforum im Jahre 1411 stattgefunden?“ Ferguson gab die Antwort gleich selbst: „Bestimmt nicht in Europa, denn damals war der Kontinent gezeichnet von Pestilenz und Kleinkriegen.“ Heute, so der Historiker weiter, bestehe die Gefahr, dass Europa zusammen mit dem Rest des Westens in das dunkle Zeitalter zurückfalle. Die moderne Pest ist die Schuldenkrise, und die Kleinkriege spiegeln sich in der Zerstrittenheit darüber, wie man sich diese Pest wieder vom Hals schaffen soll.

Europa muss sich einiges anhören in den ersten Tagen des Elitetreffens in den Schweizer Bergen. Ein Kontinent, an den Rand gedrängt von dem Zweikampf zwischen China und Amerika. Mit sich selbst beschäftigt, aber unfähig den Euro-Knoten zu durchschlagen. Stephen King, Chef-Ökonom der britischen Großbank HSBC, sagt Europa in zehn bis 20 Jahren ein Zwergendasein voraus. „Das Wachstum der Schwellenländer ist einfach zu überwältigend“, so der Brite.

Szenen- und Stimmungswechsel: In einem kleinen Zimmer im Nobelhotel Steigenberger sinniert ein deutscher Finanzmanager über die Zukunft Europas – und kommt zu einem überraschenden Ergebnis. „Die Krise ist eine große Chance, unser Geschäftsmodell in Europa zu reparieren“, sagt er und lehnt sich entspannt in seinen Sessel zurück. Keine Spur von Panik, keine Angst vor dem angeblichen Niedergang. „Deutschland steht gut da und das müssen wir nutzen. Nicht mit Ellenbogen, so wie die Amerikaner das machen, sondern leise und bestimmt – so wie die Chinesen eben.“

Es gibt also noch so etwas wie europäisches Selbstbewusstsein. Das gründet darauf, dass von hier aus der wirtschaftliche Siegeszug des Westens ausgegangen ist. „Dazu gibt es in der Geschichte keine Parallele“, räumt selbst Europa-Skeptiker Ferguson ein. Auch die Griechen haben ihren Stolz noch nicht verloren. „Europa ist ein Projekt für Frieden und Demokratie“, sagt der griechische Premierminister Georges Papandreou. Er spricht an jener Stelle, an der im vergangenen Jahr noch versprach, dass alles gut werde. Es ist anders gekommen, und das ist eines der Probleme Europas. Das Vertrauen in die Selbstbehauptung des alten Kontinents hat gelitten. „Vertrauen ist ein komplexes Phänomen“, sagt Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) und schaut dabei dem Griechen in die Augen. Was er meint, aber nicht sagt: Europa muss aufpassen, dass es seinen historischen Kredit nicht verspielt.

Konkret geht es darum, dass es die Euro-Länder trotz aller Anstrengungen bislang nicht geschafft haben, die Finanzmärkte von dem historischen Projekt der Einheitswährung zu überzeugen. Da hilft es auch nicht, wenn der französische Staatspräsident Nicholas Sarkozy bei seinem Auftritt versichert: „Wir werden dem Euro niemals den Rücken kehren, wir werden den Euro niemals aufgeben.“ Die Märkte wollen mehr sehen.
Zum Beispiel, so Trichet, eine Rückkehr zum Stabilitäts- und Wachstumspakt mit automatischen Sanktionen. Eine Forderung, die sein Landsmann Sarkozy jedoch keineswegs unterschreiben würde. Der EZB-Präsident vergisst auch nicht den Seitenhieb auf die großen Euro-Länder. „2005 haben Frankreiche, Italien und Deutschland durch ihre Nachlässigkeit in der Fiskalpolitik den Stabilitätspakt gesprengt.“ Jetzt müsse man zu den alten Grundsätzen zurückkehren. Ob das reicht, um Länder wie Griechenland wieder wettbewerbsfähig zu machen? Selbst Papandreou scheint daran zu zweifeln und bringt erneut Eurobonds und einen Aufschub für die Rückzahlung der Hilfen an EU und IWF ins Spiel. Unterstützung erhält er vom britischen Ökonomen King: „Auch die Kreditgeber der Schuldnerländer müssen einen Beitrag leisten.“

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