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George Soros „Das hätte sich nicht einmal George Orwell vorstellen können“

Der legendäre und kritische Investor hat eine neue Gefahr für die Demokratie ausgemacht: Große Social-Media-Plattformen wie Facebook. In Davos skizziert der Milliardär ein düsteres Szenario der totalitären Kontrolle.
Update: 26.01.2018 - 14:45 Uhr 6 Kommentare
George Soros kritisiert Facebook und Co. Quelle: Reuters
George Soros

„Etwas sehr Schädliches und vielleicht Unumkehrbares passiert mit der menschlichen Aufmerksamkeit in unserem digitalen Zeitalter.“

(Foto: Reuters)

DavosEs ist schon zu einem Davoser Ritual geworden: Am vorletzten Abend des alljährlichen Weltwirtschaftsforums lädt Starinvestor George Soros zum Dinner ins Hotel Seehof, um zum politischen und wirtschaftlichen Rundumschlag auszuholen. Normalerweise kriegen dabei vor allem Autokraten und populistische Politiker ihr Fett weg – von Wladimir Putin bis hin zu Donald Trump. Doch an diesem Donnerstagabend hat sich der Milliardär einen neuen Gegner ausgesucht: Die großen US-Tech-Konzerne wie Google und Facebook.

„Soziale-Medienunternehmen täuschen ihre Nutzer, indem sie ihre Aufmerksamkeit manipulieren und diese auf ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen lenken“, sagte der 87 Jahre alte Investor in Davos. In ihren Anfängen hätten Firmen wie Facebook und Google innovativ und befreiend gewirkt. Doch seitdem sich diese Konzerne zu mächtigen Monopolen entwickelt hätten, würden sie Innovationen eher behindern.

Der Philanthrop schleuderte noch einen viel schlimmeren Vorwurf hinterher: Die sozialen Medien würden Einfluss darauf nehmen, wie die Menschen denken und sich verhalten, ohne dass sich letztere dessen überhaupt bewusst seien. „Das hat gravierende negative Auswirkungen auf Demokratien, vor allem aber auf die Integrität von Wahlen“, so Soros, der mit seiner Open Society Foundations dafür kämpft, die freiheitliche Grundordnung weltweit zu verteidigen.

Facebook war wegen der Verbreitung von Falschmeldungen in den vergangenen Jahren immer mehr in die Kritik geraten. So war Russland verdächtigt worden, den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 durch gezielt über die Internetplattform verbreitete „Fake News“ zu beeinflussen. Das amerikanische Unternehmen hatte vor einigen Monaten eingeräumt, dass während des Wahlkampfs rund 80.000 verdächtige Beiträge 126 Millionen Amerikaner erreicht hätten.

Auch in Davos wurden die US-Techkonzerne in diesem Jahr mit deutlich kritischerem Blick betrachtet als in den Vorjahren. So nutzte die britische Premierministerin Theresa May ihren Auftritt in den Graubündner Bergen am Donnerstag nicht etwa, um die Folgen des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union darzustellen. Sondern sie stänkerte unter anderem gegen die Social-Media-Plattformen. Es gebe einen großen Vertrauensverlust, beklagte sie. Die Konzerne müssten alles dafür tun, um die Sicherheit ihrer Kunden wieder zu garantieren.

Soros verglich die sozialen Medien mit Casinos, die ihre Spieler bewusst in die Abhängigkeit trieben. Das sei insbesondere für Jugendliche sehr schädlich. „Etwas sehr Schädliches und vielleicht Unumkehrbares passiert mit der menschlichen Aufmerksamkeit in unserem digitalen Zeitalter“, sagte der Investor. Es gehe nicht nur um Ablenkung und Abhängigkeit. „Soziale Medienunternehmen verleiten die Menschen dazu, ihre Autonomie aufzugeben. Die Macht, die Aufmerksamkeit der Leute zu formen, ist immer mehr in den Händen einiger weniger Unternehmen konzentriert.“

Menschen, die im digitalen Zeitalter aufwachsen, drohten die geistige Freiheit zu verlieren und könnten daher leicht manipuliert werden, sagte Soros, um danach noch ein düsteres Zukunftsszenario aufzumalen: eine Allianz zwischen autoritären Staaten und den großen, datenreichen Monopolunternehmen. Diese würde die neuentstandenen Systeme der privatwirtschaftlichen Überwachung mit einer bereits ausgereiften staatlichen Überwachungsstruktur zusammenbringen. „Das könnte in einem Netz totalitärer Kontrolle enden, welches sich in dieser Form noch nicht einmal Aldous Huxley und George Orwell haben vorstellen können.“

Allerdings sagte Soros den Tech-Konzernen schwerere Zeiten voraus. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis deren Dominanz gebrochen werde. „Davos ist ein guter Ort um zu verkünden, dass ihre Tage gezählt sind.“ Ein Mix aus Regulierung, höheren Steuern und den Taten der EU-Wettbewerbskommissarin Margarethe Vestager werde sie in Zukunft schwer belasten. Vestager wurde in den US-Medien als „die Frau, die das Silicon Valley fürchtet“ bezeichnet, seitdem sie unter anderem wettbewerbsrechtlich mit einer Milliardenstrafe gegen Google vorgegangen war.

Soros war allerdings lange selbst großer Aktionär bei Tech-Konzernen. Soros Fund Management war zuletzt unter anderem in Aktien von Facebook investiert.

Soros hat sich immer wieder durch markante Sprüche und unkonventionelle Ansichten hervorgetan. Berühmt geworden ist der in Ungarn geborene und bei der dortigen populistischen Regierung Viktor Orbáns in Ungnade gefallene Kämpfer für eine liberale Welt durch seine erfolgreiche Spekulation gegen das britische Pfund in den 1990er-Jahren.

Nicht so erfolgreich waren allerdings zuletzt seine Vorhersagen. Der auch als Orakel der Finanzmärkte geltende Investor hatte direkt nach dem Wahlsieg Donald Trumps zunächst viel Geld auf einen Börsenabschwung gewettet – und verloren. In Davos sagte er vor einem Jahr ein baldiges Ende der durch Trump angetriebenen Börsenhausse voraus. Seither sind die amerikanischen Aktienindizes von einem Rekordstand zum nächsten geeilt.

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6 Kommentare zu "George Soros: „Das hätte sich nicht einmal George Orwell vorstellen können“"

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  • Kompliment Herr Soros, ich bin beeindruckt wie klar sie die Sache erkennen. "...wie Casinos, die ihre Spieler in die Abhängigkeit treiben" so werden die Nutzer von Facebook und Google manipuliert. Und letztlich sacken die Herrschaften dann noch fette Marketingbudgets über die Nutzerprofile ab. Das muss Aufhören! Genauso wie ALLE MEDIEN die nur getreu Ihrem Anzeigeneinnahmen die Nachrichten verbreiten und damit vorrangig von zahlender Kundschaft berichten und keine News über Innovationen für den Fortschritt für die Menscheit berichten. Ich persönlich verfolge seit einiger Zeit gespannt Informationen über Berliner Neutrino Group und bin begeistert von den Projekten, die Prof. KRAUSE und andere hochrangige Wissenschaftler, wie der Astrophysiker Prof. Stephen Hawking, als machbar erklären: mobile dezentrale Haushaltsenergie-Versorgung mit einem Neutrino-Power Cube und unendliche Antriebsenergie für ein Kleinfahrzeug PI durch Energie Nutzung von Neutrinos. Die Entwicklung der neuen Technologien für Neutrino-Energy sind wie jedes Start-up kostenaufwendig. Aber diese revolutionäre neue emissionsfreie Energie der Zukunft, wird neben Wind-, Wasser- und Solarenergie mit grossen Schritten die Energiewende voranbringen. Ich hoffe hier werden bald Grosskonzerne als Partner bereitstehen. Facebook und Google als riesige Energieverbraucher und müssten um Ihre Existenz ringen, wenn das Grossversorgernetz abgeschaltet würde. Dann ist klar, es gibt keine Substanz, Bildschirm blackout. Ohne Strom kein Social Media! Weniger davon wäre eh viel besser, um die Menschheit vor noch mehr Verdummung zu bewahren. Und emissionsfreie Energie ist wesentlicher für unser Überleben als BlaBla im Social Media.

  • Was ihn stört ? Er hat nicht die Kontrolle , die er anderen vor wirft .

  • Die totalitären (Möchtegern-)Kontrolleure in Politik und Wirtschaft können mich alle mal (wohl sicher nicht nur mich).

    Es darauf beruhen zu lassen ist aber mehr als nur gefährlich, denn so einfach ist es leider nicht:

    Erstens, weil (Zitate Soros):

    „Soziale-Medienunternehmen täuschen ihre Nutzer, indem sie ihre Aufmerksamkeit manipulieren und diese auf ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen lenken“, (…)
    Der Philanthrop schleuderte noch einen viel schlimmeren Vorwurf hinterher: Die sozialen Medien würden Einfluss darauf nehmen, wie die Menschen denken und sich verhalten, ohne dass sich letztere darüber überhaupt bewusst seien.

    > „Das hat weitreichende negative Konsequenzen für die Funktionsweise von Demokratien, vor allem aber auf die Integrität von Wahlen“ <

    Und zweitens, weil aus o.g. Umständen die Gefahr erwächst, dass sie kraft ihres technologischen Vorsprungs und ihrer finanziellen Übermacht in a l l e n Bereichen des täglichen Lebens die Entscheidungs- und Verfügungsgewalt an sich reißen könnten (jedenfalls, falls sie zufälligerweise eher mis- denn philanthropischer Gesinnung sein sollten - UND nicht daran gehindert werden):
    Wer sich ihnen nicht unterordnet, hat dann keine (Überlebens-) Chance mehr.

    So weit dürfen wir (unsere gesamte globale Gesellschaft) es niemals kommen lassen.

    Deshalb ist es so dringend notwendig, dass die durch ein überholtes politisches System, das in weiten Teilen noch auf einem aus vordemokratischen, feudalistischen Zeiten beruht beförderte fatale Verschmelzung von „Geld“ und „Macht“ aufgelöst wird und Geld wieder zum reine Zahlungsinstrument wird.

    Und dass sich jeder klarmacht:

    Die IT ist, wie jede andere Technologie, genauso neutral wie jedes andere Instrument (Beispiel: Messer und Schere; beides im Allgemeinen sehr nützliche Instrumente, die aber auch das Potential haben, für unmenschliche, ja tödliche Zwecke missbraucht zu werden) und dazu da, den Menschen beim Denken zu unterstützen.

    N I C H T dazu, es zu ersetzen!!

  • „Das könnte in einem Netz totalitärer Kontrolle enden, welches sich in dieser Form noch nicht einmal Aldous Huxley und George Orwell haben vorstellen können.“

    ... dann soll er nicht nur quatschen, sondern z.B. das i2p - Netz pushen und promoten.

    Soll sich ein Beispiel nehmen an Mark Richard Shuttleworth, der sich mit Ubuntu ein würdiges Denkmal setzt.
    Wenn George Soros heute ins Gras beißt und keine Sprechblasen mehr via Mainstream-Presse absondern kann, dann wird ihn in 2 Jahren kein Mensch mehr kennen und was wird er hinterlassen?

    Richtig:
    Who t.F. is Soros ?

  • Herr Soros ist ein Gegner der Europäer, der jede Möglichkeit nutzt um uns zu schaden.
    Warum dieser Spekulant stehts Zugriff auf die Medien hat, erklärt sich nur mit einer gewissen Partnerschaft.

  • Soros Pläne sind zum Glück dank alternativer Medien (noch) nicht aufgegangen

    Soros ist der einzige* mir bekannte erfolgreiche Spekulant mit links- ökologischer Gesinnung. Er spendet Milliarden aus seinem Vermögen für seinen Glauben. Er hat etwa 1 Mrd. $ in Kampagnen gegen Trump investiert, unterstützt den Klimaschwindel, linke Bewegungen weltweit und scheut nicht einmal davor zurück die grausamen Aktivitäten der Schlepperschiffe im Mittelmeer zu finanzieren. So ist es kein Wunder dass er Huldigungen der hiesigen Qualitätsmedien erfährt.

    Ein wesentlicher Grund dass die Pläne linker "Eliten" bislang nicht vollständig aufgehen ist dass viele Menschen den linken Schwindel der "Qualitätsmedien" spüren, oder erkennen und andererseits das Internet und soziale Medien eine alternative Plattform anbieten. Beispielsweise hat Trump seine Wahlkommunikation weitgehend an den Qualitätsmedien vorbei über alternative Medien, soziale Medien und E-Mail Ketten geführt. Auch in Europa können beispielsweise die Kritiker in D, oder in Schweden...nur über alternative Medien kommunizieren. So erstaunt es nicht dass Soros kein Freund alternativer Medien ist.

    **Die mir bekannten erfolgreichen Spekulanten sind regelmässig von der Persönlichkeit Logiker, bilden sich ihre Meinung unabhänigig von Anderen. Meist ticken diese Menschen sehr konservativ, kritisch teils rechts.

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