«Dem alten Denken verhaftet»
Nazi-Zeit für viele Österreicher abgeschlossen

Die Hälfte der Österreicher will die Zeit vor 1945 abgeschlossen wissen. Die Tendenz ist laut einer Umfrage steigend.

HB BERLIN. Jeder zweite Österreicher will nicht mehr über die eigene «braune» Vergangenheit reden. Das geht aus einer Umfrage hervor, die die Tageszeitung «Die Presse» am Samstag veröffentlichte. Demnach würde die Hälfte 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am Liebsten mit diesem Kapitel der Geschichte abschließen.

Dass die Erinnerungen an die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg wachgehalten werden sollen, meint nur noch knapp ein Drittel, das sind sechs Prozent weniger als vor zehn Jahren und beträchtlich weniger als in Deutschland. Dafür plädieren die Österreicher stärker als die Deutschen für ein Wachhalten der Erinnerung an die Bombardierung der eigenen Städte durch die Alliierten, die Leiden der Kriegsgefangenen in Russland oder das Verhalten der Besatzungstruppen.

Auffallend schwer tun sich die Österreicher laut der «Presse» mit der Frage, ob das Ende des Zweiten Weltkriegs eher eine Befreiung oder eine militärische Niederlage war. Über 40 Prozent der Befragten antworteten mit «unentschieden/keine Angabe» - das sind mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. Weit mehr Österreicher als Deutsche zweifeln außerdem an der Glaubwürdigkeit der Berichterstattung zum Zweiten Weltkrieg.

Die unterschiedlichen Ergebnisse für Österreich und Deutschland hätten damit zu tun, «dass die ältere Generation der Österreicher noch stärker dem alten Denken verhaftet ist», sagte Gerhard Botz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien der Zeitung zufolge. Verantwortlich dafür sei die «grundlegend unterschiedliche politische Entwicklung nach 1945» in den beiden Ländern. Sie habe dazu geführt, dass die positive Erinnerung an den Nationalsozialismus in Österreich erst viel später zum Problem geworden sei.

Das Blatt berichtet zudem von einer Studie mit dem Titel «Der Zweite Weltkrieg in der Sicht der Zentraleuropäer», die in insgesamt acht mittel- und osteuropäischen Ländern durchgeführt wurde. Demnach haben sich überall Interesse und Wissensstand zur Zeit vor 1945 innerhalb der letzten zehn Jahre «drastisch» reduziert. Überdies seien viele Österreicher mit dem Umfang der Holocaust- Berichterstattung unzufrieden: 23 Prozent finden, dass das Leiden der Juden in den Konzentrationslagern überbetont wird.

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