Demografie und Arbeitskräftemangel
Überalterung gefährdet Boom in Osteuropa

Die osteuropäische Wirtschaft wächst weiter und doch steht sie vor großen Herausforderungen: Junge und qualifizierte Osteuropäer verlassen ihre Heimat, Demografie und Arbeitskräftemangel werden für viele osteuropäische Länder zunehmend zu einem Standort-Nachteil. Mittlerweile haben Polen und Tschechien ihre Arbeitsmärkte auch für Ausländer geöffnet.

WROCLAW. Das ist die neue Globalisierung: Der Osten boomt – und Deutschland macht die Müllentsorgung. Im Minutentakt nehmen sich die mit Blaumännern bekleideten Arbeiter im Toshiba-Werk bei Wroclaw den nächsten Plastik-Rahmen vor, den sie „Skelett“ nennen. Mit kleinen Kränen packen sie die Flachbildschirm-Panele hinein und schrauben beides zu modernen LCD-Fernsehern zusammen. 3 000 Stück laufen pro Tag von den vier Produktionslinien. Und leere Kartons und abgerissene Plastikfolien werden hinten in der Halle von einer polnischen Tochterfirma des Berliner Entsorgungsunternehmens Alba für das Recycling sortiert.

Am 16. Juli hat Toshiba auf der grünen Wiese seine Produktion in Polen aufgenommen, nebenan steht das hochmoderne LCD-Panel-Werk von LG-Philips in einer neuen polnischen Sonderwirtschaftszone. Für eine Mrd. Euro entsteht hier die größte Einzelinvestition in Polens Geschichte und das Land wird zum größten Hersteller moderner Fernsehgeräte. „Mit 10 000 Stück haben wir im Juli angefangen, 50 000 haben wir im August produziert. Im September kommen wir auf 120 000 Stück und dann läuft die Weihnachtssaison voll an“, erzählt Toshiba-Direktorin Malgorzata Czachor. Nur ein Problem hat sie dabei: Genügend neue Arbeitskräfte für die Expansion ihres Werks zu bekommen.

Der Fachkräftemangel in den mittel- und osteuropäischen Ländern führt mittlerweile zu rasant steigenden Lohnzahlungen. Allein in Polens Bauindustrie seien die Löhne von Januar bis Juli um 15,1 Prozent gestiegen, sagt Iwona Makowiecka von der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer in Wroclaw, dem früheren Breslau. Der Durchschnittslohn auf dem Bau sei auf 730 Euro im Monat gestiegen.

Doch härter noch ist der Mangel an Arbeitskräften – er wird inzwischen zu einer Gefahr für die bisher gut laufende Konjunktur: „Wer nicht ausreichend Arbeitskräfte garantieren kann, um den machen künftig Investoren einen Bogen“, sagt der für Wirtschaftsfragen an der polnischen Botschaft in Berlin zuständige Marek Jastrzebski. Der Mangel resultiert daraus, dass vor allem junge und flexible Osteuropäer ihre Heimat verlassen und in Großbritannien, Irland oder Spanien anheuern. Im Gegenzug bauen deutsche Handwerker nun den Freizeitpark von Wroclaw. Denn Polen und Tschechien haben ihre Arbeitsmärkte auch für Ausländer geöffnet: Für zweimal drei Monate können jetzt Arbeiter aus der Ukraine, Weißrussland, Kasachstan und teilweise China kommen. Hinzu kommt laut Jastrzebski „das neue Phänomen deutscher Gastarbeiter in Polen“.

Doch der einsetzende Arbeitskräftemangel ist ökonomisch fatal: „Die Abwanderung der Jungen und die schrumpfende Bevölkerung werden es schwer machen, die bisher hohen Wachstumsraten in der Region zu halten“, sagt Peter Havlik vom Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche. Die bisherige Boomregion zwischen Ostsee und Schwarzem Meer gerät durch Abwanderung und die demografische Entwicklung sogar in eine doppelte Konjunkturfalle: Bleiben die Löhne niedrig, wandern immer mehr Menschen ab. Steigen sie zu stark, gehen die Investoren. Zusätzlich führt die anhaltende Flucht der Jungen zu einer rasanten Überalterung der Bevölkerungen mit fatalen Folgen für die Sozialsysteme und die Investitionsstandorte.

„Osteuropa und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion werden 2025 die älteste Bevölkerung haben“, prognostiziert Arup Banerji von der Weltbank. In der Folge sinke die Zahl der Beitragszahler für das Gesundheitssystem und die Sozialkassen, und die Staaten müssten immer mehr in ihre Pensionsfonds zuschießen. Das führe dazu, dass in der Region die Steuern erhöht werden müssen, so Banerji. Gerade ihre Position als Steuerparadies hatte den Ländern der Region aber über ein Jahrzehnt lang massive Standortvorteile und eine gewaltige Investitionswelle gebracht.

Dass die osteuropäischen Regierungen diesen Herausforderungen Herr werden, bezweifelt Mateusz Walewski vom Zentrum für soziale und ökonomische Analyse in Warschau: „Die Verantwortlichen packen diese Fragen bisher nicht professionell an“, erklärt er. „Denn sie sind noch immer unvorbereitet, weil die Transformation unserer Länder zu wirklichen Marktwirtschaften noch nicht abgeschlossen ist.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%