Demonstrationen in Istanbul Tausende wollen Anerkennung von „Völkermord“

In Istanbul haben Tausende für eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern protestiert. Der von der türkischen Regierung nicht anerkannte Genozid jährt sich dieses Jahr zum 100. Mal. Die Polizei hielt sich zurück.
Kommentieren
Tausende Menschen haben in Istanbul für eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch die Türkei demonstriert. Quelle: Reuters
Proteste in der Türkei

Tausende Menschen haben in Istanbul für eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch die Türkei demonstriert.

(Foto: Reuters)

IstanbulTausende Menschen haben in der türkischen Metropole Istanbul für die Anerkennung der Gräueltaten an den Armeniern vor 100 Jahren im Osmanischen Reich als „Völkermord“ demonstriert.

Der Protestmarsch zog am Freitagabend durch die zentrale Einkaufsmeile Istiklal Caddesi. Er endete kurz vor dem Taksim-Platz, den die Polizei gegen Demonstranten abgeriegelt hatte. Teilnehmer des Marsches riefen „Wir sind alle Armenier“.

An der Spitze des Protestmarsches trugen Demonstranten ein Plakat mit der Aufschrift: „Der Völkermord dauert an“. Auf einem weiteren Transparent stand: „Setzt Euch im 100. Jahr mit dem Völkermord auseinander“.

Die Istanbuler Polizei, die für ihr häufig brutales Auftreten gegen Demonstranten regelmäßig in der Kritik steht, hielt sich zurück. Die meisten Polizisten trugen keine Helme, weder Wasserwerfer noch Tränengas kamen zum Einsatz.

Verfechter der Wahrheit
Völkermord an den Armeniern
1 von 9

Der Völkermord an den Armeniern durch die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs gilt als einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Bei den Massakern und Todesmärschen zwischen 1915 und 1916 sollen zwischen 300 000 und 1,5 Millionen Armenier ums Leben gekommen sein. In Armenien wird der Völkermord als „Aghet“ (Katastrophe) bezeichnet. Die türkische Regierung leugnet zwar nicht die vielen Toten, bestreitet aber, dass die damalige Führung systematisch das armenische Volk habe auslöschen wollen.

Papst Franziskus
2 von 9

Immer wieder wird die türkische Regierung für ihre Haltung kritisiert, am prominentesten zuletzt von Papst Franziskus. Der bezeichnete die Deportation tausender Armenier während einer Messe zum Gedenken an die Opfer als Völkermord. Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan reagierte empört – bestellte daraufhin ihren Botschafter des Vatikans in Ankara ein

Papst Johannes Paul II.
3 von 9

Schon einer von Franziskus’ Vorgängern – Papst Johannes Paul II. – äußerte sich ähnlich zu der Causa. In einer Erklärung sagte das inzwischen verstorbene Kirchenoberhaupt, der Genozid der Armenier durch die Osmanen gelte „weithin als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts“.

Bundespräsident Gauck
4 von 9

Auch Joachim Gauck sprach Klartext: Bei einem Gedenkgottesdienst für die Opfer am Sonntag benannte auch der Bundespräsident das osmanische Massaker an den Armeniern als Völkermord. Zuletzt hatte es darum Unstimmigkeiten zwischen Bundesregierung, Koalitionsparteien und Präsidialamt gegeben – die Regierung wollte den Begriff „Völkermord“ vermeiden, um Spannungen mit der Türkei vorzubeugen.

Norbert Lammert
5 von 9

Bundestagspräsident Norbert Lammert sprang Gauck bei. Zum Auftakt einer Debatte im Bundestag am Freitag sagte Lammert deutlich: „Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord. Er ist nicht der letzte im 20. Jahrhundert geblieben.“ Eine Reaktion der türkischen Regierung steht bisher aus.

Der amerikanische Kongress
6 von 9

Präsident George W. Bush hatte eindrücklich vor einer Belastung des türkisch-amerikanischen Verhältnisses gewarnt, trotzdem erkannte der US-Kongress in einer Resolution 2007 den Völkermord an den Armeniern als Tatsache an. Der türkische Präsident Abdullah Gül bezeichnete die Resolution als „nicht akzeptabel“. Ministerpräsident Erdogan warnte die Vereinigten Staaten, sie würden „eine bedeutsame Schwächung ihrer Partnerschaft mit einem sehr wichtigen Verbündeten in der Region“ erleben.

Nicolas Sarkozy
7 von 9

Auf einer Linie mit der französischen Nationalversammlung war der damalige Präsident Nicolas Sarkozy: 2011 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern verbietet. Der türkische Premier Erdogan reagierte scharf: Keine Stunde nach Bekanntgabe des Beschlusses zog die Türkei ihren Botschafter aus Paris ab. Erdogan unterstellte Sarkozy ein „wahlkampftaktisches Manöver“.

Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches lehnt eine Bewertung der Gräueltaten gegen die Armenier als Genozid ab. Am Freitag gedachten Armenier weltweit der Opfer der Massaker, die am 24. April 1915 mit Festnahmen prominenter Armenier in Konstantinopel (Istanbul) begannen.

  • dpa
Startseite

0 Kommentare zu "Demonstrationen in Istanbul: Tausende wollen Anerkennung von „Völkermord“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%