Den Akteuren fehlt jede Orientierung
Finanzkrise: Terra incognita

Die Finanzkrise verunsichert nicht nur Politiker und Banker. Auch Ökonomen suchen vergeblich Orientierung. Alle Vergleiche mit vergangenen großen Wirtschaftskrisen hinken - schon wegen der zentralen Rolle, die der Geldmarkt diesmal spielt.

DÜSSELDORF. Die Hilflosigkeit schreit zum Himmel: Großbritannien, einst der Gralshüter des freien Marktes, setzt zur Verstaatlichung seiner wichtigsten Banken an - und stopft eine halbe Billion Pfund an Steuergeldern in den Finanzsektor. Ergebnis: Die Märkte finden keinen Halt. Die EZB, einst der ruhende Pol unter den Notenbanken, ringt sich nach hartnäckiger Weigerung zu einer konzertierten Aktion mit den wichtigsten Zentralbanken durch und senkt die Zinsen gleich um einen halben Prozentpunkt. Ergebnis: Die Märkte finden keinen Halt. Die deutsche Kanzlerin, einst Kämpferin für eine solide Haushaltspolitik, jongliert mit dreistelligen Milliarden-Bürgschaften für deutsche Sparer und in Schieflage geratene Banken. Ergebnis: Die Märkte finden keinen Halt.

Keine Frage, die Finanzkrise, die wir derzeit erleben, ist außergewöhnlich. Das Vertrauen, der Kitt moderner Finanzmärkte, ist zerstört. Misstrauen durchdringt alle Bereiche des Marktes, selbst die sicheren Pfandbriefe haben gelitten. Droht jetzt eine Jahrhundertrezession, wie mancher Experte mutmaßt? Befinden wir uns in der "Mutter aller Krisen", wie Crash-Propheten orakeln?

Die stets abwägenden Ökonomen warnen vor solcher Schwarzmalerei, verunsichert sind aber auch sie. Denn Vergleiche mit anderen Krisen lassen sich nur schwer ziehen. Joachim Voth, Wirtschaftshistoriker an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona und Spezialist für Finanzkrisen, sieht in der jetzigen Krise eine "völlig neue Qualität". Sie sei anders als alles, was wir bisher erlebt haben.

Auch gestandenen Investoren fehlt die Orientierung. "Die jetzigen Verwerfungen sind mit keiner Krise vergleichbar", sagt Gottfried Heller, Chef der Münchener Vermögensverwaltung Fiduka und langjährige Partner des verstorbenen Börsenaltmeisters André Kostolany . Weder das Platzen der Technologieblase, als sich aufgeblähte Aktienkurse in Luft auflösten, noch die Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren taugen als Vergleich.

Vor allem aus einem Grund lässt sich die derzeitige Lage so schwer einschätzen - wegen der zentralen Rolle des Geldmarkts. "Das kurzfristige Finanzierungsgeschäft nicht nur der Banken, sondern auch aller Unternehmen ist völlig zusammengebrochen", sagt Voth. Das gesamte Zahlungssystem stehe vor dem Kollaps.

Die Notenbanken pumpen täglich viele Milliarden in die Märkte, um den Geldmarkt am Leben zu erhalten. Doch letztlich kurieren sie mit den Notspritzen nur an den Symptomen. Damit die Banken sich gegenseitig wieder Geld leihen, muss das Vertrauen unter ihnen wachsen. Das setzt voraus, dass eine Bank in der Bilanz der anderen keine Sprengsätze mehr vermutet. Solange die Banken das aber tun, parken die Institute ihr Geld lieber tagelang bei der EZB, als es zu einem viel höheren Zins an andere Banken zu verleihen.

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