Der Boxkampf von Oberhausen
Kampf der Verlierer

Wenn die Politik wie gestern Abend in Oberhausen in den Boxring steigt, kann das nur mit einem K.o enden. Die Brüder Wladimir und Vitali Klitschko haben ihrem Land keinen Gefallen getan.
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DüsseldorfWas für ein Bluff! Da läuft über Wochen eine gigantische Kampagne, in der ein Boxkampf zur Schlacht um ein gedemütigtes Land aufgeblasen wird: Klitschko gegen Leapai. Dass es Wladimir Klitschko ist, der da gestern Abend in der Oberhausener Arena vor 12.000 Zuschauern kämpfte, und nicht sein in der Ukraine politisch engagierter Bruder Vitali – das haben wir einfach mal nicht so genau genommen.

Dass der unbedarfte Herausforderer Alex Lepai ein Australier ist, der höchstwahrscheinlich bis gestern gar nicht wusste, wo die Ukraine liegt – auch egal. Hauptsache die Story stimmt, und mit der Stimmung steigen die Eintrittspreise.

Und dann legen die beiden einen Kampf hin, der an sportlicher Langeweile nicht zu überbieten ist, in dem der eine gerade mal als lebendiger Sandsack des anderen taugt, und der nach gefühlten 15 Minuten mit dem K.o. des Australiers endet, der nicht mal den Hauch einer Chance hatte. „Wladimir ist der Beste und deshalb Weltmeister“, befand Leapai, der mit einer Entourage von 25 Personen, zum Teil in der luftigen Landestracht seines Geburtslandes Samoa gekleidet, angereist war. Kurz vor 2.00 Uhr morgens trottete er im weißen Trainingsanzug nach der Pressekonferenz zum Ausgang der Halle hinaus in den Regen. So leichtes Spiel hatte Klitschko, nach eigenen Worten noch immer „hungrig auf Erfolg“, selten.

Veranstalter und Sportler haben bis dahin alles getan, um ihren Sport, so gut es geht, zur politischen Abrechnung zu überhöhen: Bruder Vitali reist aus der Ukraine herüber, um im roten Trainingsanzug als politisches Mittelgewicht dem Kampf im Ring eine patriotische Note zu verleihen. Der fast 43 Jahre alte Vitali sagt Sätze wie: „Ich wünsche mir, in einem freien europäischen Land zu leben, in dem keiner Angst zu haben braucht“, und: „Ich stehe nur noch im Ring, um meinem Bruder zu helfen. Der Kampf um Demokratie in der Ukraine ist viel wichtiger für mich.“

Schwägerin Natalie tritt vor einer riesigen ukrainischen Flagge auf und schluchzt die Nationalhymne. Der Sender RTL, der den Kampf live überträgt, funkt an rund 8,6 Millionen Zuschauer Ukraine-Bilder im Wechselspiel mit Sport und – klar – maximaler Werbeauslastung.

Das ganze funktioniert besonders gut in einer Sportart, die wie keine andere dem Kampf mit Blut, Schweiß und Tränen huldigt. In der verschiedene Verbände seit Jahrzehnten um Einfluss ringen, ohne dass es jemals gelungen wäre, eine nachvollziehbare Wertung und Rangliste aufzustellen. Und die deswegen seit mehr als 15 Jahren vom Namen Klitschko beherrscht wird, ohne dass ein ernstzunehmender Herausforderer in Sicht ist.

Zugegeben: Es ist naiv zu glauben, dass Sport und Politik getrennte Systeme sind. Die beiden sind vielmehr so etwas wie zweieiige Zwillinge: Sie sehen unterschiedlich aus, aber stammen doch auch einer Familie. Sie kämpfen für ein Ziel, das heißt, erfolgreicher zu sein als der Gegner. Und wenn der politische Zwilling mit seinem Latein am Ende ist, dann muss wenigstens der sportliche Zwilling beweisen, welche Kraft in ihm steckt.

Aber wenn die Politik zum Boxkampf degradiert und der Boxkampf zum Überlebenskampf eines Landes hochstilisiert wird – dann ist etwas gründlich schief gegangen. Dann missbraucht der eine den anderen und keiner kann gewinnen.

Der Sportler nicht, der in Wahrheit nicht sein Land verteidigt, sondern nur ein Turnier für sich entscheiden will. Und der Politiker nicht, der den sportlichen Erfolg sowieso nicht in einen politischen Vorteil ummünzen kann. Der Boxkampf von Oberhausen: Es war eine Show der Verlierer.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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