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09.07.2008 
Pressesschau zum G-8-Gipfel

„Der Club der arroganten Reichen“

Die internationale Wirtschaftspresse zieht nach dem G-8-Gipfel eine kritische Bilanz: Diesem Club der Reichen gehe es doch nur um die eigenen Wähler, Supermärkte und Geländewagen, schimpft der Victoria Times Colonist aus Kanada. Und auch andere internationale Medien gehen hart mit der Veranstaltung und seinen Teilnehmern ins Gericht.

„Die Regierungschefs der G-8-Staaten kommen einfach nicht über ihre Selbstinteressen hinaus“, schimpft der Victoria Times Colonist aus Kanada. Zwar seien kleine Fortschritte erzielt worden, doch letztlich „haben die G-8-Führer nur ihre Wähler, ihre Supermärkte und ihre Geländewagen im Blick, statt die Benachteiligten in anderen Teilen der Welt.“ Nichts verdeutliche diese Engstirnigkeit so gut wie die Presseunterlagen des Weißen Hauses, die von US-Bürokraten verfasst wurden: „Darin steht Italiens Premierminister als Amateur und Dilettant da, und Italien als Land der Regierungskorruption und Laster.“ Dies zeuge von einer Arroganz und einem Selbstinteresse, das die Treffen der Gruppe eigentlich seit dem Beginn in den 70er Jahren charakterisiere. „Die G-8-Staaten können einfach nicht mehr andere Länder herumkommandieren, nur damit ihre Bürger ihren Lebensstandard aufrechterhalten können“, fordert das Blatt.

Für den Independent aus Großbritannien repräsentieren die G-8-Staaten die alte, überholte Weltwirtschaft. „Doch es ist die neue Weltwirtschaft, die fortan zählt.“ Dafür würden viele Gründe sprechen: Wenn es um den globalen Abschwung gehe, sei wichtig, wie China sich verhalte. Wenn es um den Ölpreis gehe, sei wichtig, wie sich die Kapazitäten im Mittleren Osten und die Nachfrage aus China und Indien entwickeln. Und wenn es um Kohlendioxidemissionen gehe, seien letztlich die Forderungen der G-8-Staaten irrelevant: „In der Weltwirtschaft brechen neue Zeiten heran.“ Insbesondere die BRIC-Länder – ein von Jim O’Neill, Chefökonom bei Goldman Sachs, geprägter Begriff, der für die Länder Brasilien, Russland, Indien und China steht – würden massiv an Bedeutung gewinnen. „2050 wird sich, so Goldmann, die Liste der Top-Wirtschaftsnationen so lesen: China, USA, Indien, Brasilien, Russland, Indonesien, Mexiko and Großbritannien. Kein Japan, kein Deutschland, kein Frankreich.“ Wer wolle da noch ernsthaft berücksichtigen, was die G-8-Staaten heute über die Zukunft der Weltwirtschaft sagten?

Es sei gleich, welches Thema man näher beleuchte, den hohen Ölpreis, den Mangel an Nahrungsmitteln, die Finanzkrise oder den Klimawandel – das Treffen der G-8-Staaten in Japan habe gezeigt, wie machtlos die wichtigsten Industrienationen den akuten Problemen der Welt gegenüber stehen, schreibt die französische Tageszeitung Le Figaro. Bislang hätten sie ihre Werte immer der restlichen Welt aufzwingen können, doch mit den schwächelnden USA, den aufstrebenden Nationen Indien und China, aber auch mit den momentanen Krisen stehe fest, dass die alte Struktur unwiederbringlich zerstört sei: „Sie wird nicht wieder zurückkehren.“ Die G-8-Staaten hätten faktisch nicht mehr die Argumente und die Überzeugungskraft, um ihre Forderungen durchzusetzen. Sie böten auch nicht mehr das Format, um die anstehenden Fragen behandeln und beantworten zu können. „Das ist nur ein Club der Reichen, der an Geschwindigkeit verloren hat in einer Welt, die sich rasch fortentwickelt.“ Er könnte sich nur noch mit einer Öffnung für andere Staaten neu legitimieren.

Die Zeit Zeit sieht die Institution G 8 vor allem aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise vor einer dringenden Reform. „Die G 8 waren schon immer eine Art Krisenreaktionskommando. Sie verdanken ihre Gründung 1975 in Schloss Rambouillet bei Paris dem Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods und dem ersten Ölpreisschock. In diesen Wochen erschüttern nicht minder epochale Krisen die Weltwirtschaft – und wieder haben sie mit Währungen und Öl zu tun. Es ist an der Zeit, die Konsequenzen daraus zu ziehen und eine Reform der Weltwirtschaftsarchitektur zu beginnen.“ Dieser müsse die Erweiterung des Kreises vorangehen, denn die Welt brauche dringend Gremien, die alle wichtigen Spieler an einen Tisch bringen – und zwar auf höchster Ebene – um die Entscheidungsfähigkeit zu sichern. „Es reicht nicht, nur Fachexperten zusammenzubringen. Die G 8 waren ein Forum für die Führer der westlichen Welt. Fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist es unumgänglich, den Kreis zu erweitern.“

Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua hält es dem G-8-Club zugute, dass er seit 2003 regelmäßig fünf weitere Länder zu den Gipfeltreffen einlade. „Das unterstreicht den Willen der Industrienationen, mit den aufstrebenden Ländern ins Gespräch zu kommen und ihren wachsenden Einfluss auf die Weltwirtschaft anzuerkennen.“ Dieser Dialog sei äußerst wichtig, er müsse jedoch auf gleicher Augenhöhe und auf der Basis gegenseitigen Vertrauens geführt werden, mahnt Xinhua an. „Und dieser Dialog sollte auch keinen Grund liefern für die G-8-Staaten, ihrer Verantwortung weniger bestimmt nachzukommen.“

Das Dilemma mit der Tischordnung

"Die größten Kopfschmerzen, die das G-8-Gipfeltreffen den Regierungschefs bereitet hat, war die Sitzordnung beim obligatorischen Dinner“, höhnt der Guardian. „Warum nur saß Gordon Brown am Ende des Tisches? Was sollte die „Small Talk“-freie Zone zwischen ihm und George W. Bush – die Gattin des kanadischen Premiereministers, Laureen Harper – bedeuten? Und gab es am Ende, wo Silvio Berlusconi saß, einen Kampf um die Brötchen?“, fragt sich die britische Tageszeitung sichtlich amüsiert. Diese rechteckigen Tische seien für Treffen wie diese höchst unpraktisch: „Für 15 Leute, die sich zumeist nur wenig oder überhaupt nicht kennen, dürfte es nicht einfach sein, leicht dahin zu plaudern.“ Joachim Sauer und Carla Bruni haben es nicht einmal versuchen wollen: „Sie reisten zum Gipfel nicht an.“

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